zwei666.de

Das Projekt

Nachdem sie sich schon ein gutes Stück in Roberto Bolaños nachgelassenen Roman “2666” hineingelesen hatte, beschwor die amerikanische Schriftstellerin Francine Prose all ihre Verwandten, Freunde und Geliebten, sie sollten alles stehen und liegen lassen und auf der Stelle mit “2666” beginnen. “Mein messianischer Enthusiasmus war teilweise uneigennützig”, kommentiert sie in “Harper’s Magazine“, “zum Teil aber auch ein bisschen egoistisch, denn wenn man ,2666‘ liest, betritt man eine Welt, die an unsere eigene erinnert, aber nur zwischen zwei Buchdeckeln existiert; es ist ganz ähnlich wie bei der Lektüre von ,Moby Dick‘ oder ,David Copperfield‘ oder ,Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘.” Und in dieser fremden, dieser literarischen Welt möchte man sich nicht ohne Begleitung herumtreiben, man hätte dort gern Gesellschaft.

- Hannes Stein, Die Welt. 22. Dezember 2008.

Die Frage, warum man sich in einer Zeit von 160 Zeichen langen Kurznachrichten, von Eilmeldungen, Zusammenfassungen, spartanischen Blogeinträgen und aberwitzigen Tickermeldungen noch hinsetzen sollte, um Stunden, Tage, ja Wochen und Monate mit der Lektüre eines einzigen Romans zu verbringen, wird seit einiger Zeit in Internet-Lesezirkeln wie infinitesummer.org oder der deutschen Verlagsseite unendlicherspass.de beantwortet. Beide beschäftigen sich mit dem Großwerk Infinite Jest des amerikanischen Autors David Foster Wallace, der im vergangenen Jahr den Freitod gewählt hat.

Am 7.September erscheint im Hanser Verlag Roberto Bolaños 2666 in der Übersetzung von Christian Hansen. Ein Roman in fünf Teilen, der nicht nur laut Francine Prose ein eigenes Universum bildet und der mindestens eine ähnlich genaue Betrachtung verdient hat. Seit der Erstveröffentlichung in Barcelona (2004) überschlägt sich die Literaturkritik auf der ganzen Welt und erfindet immer neue superlative, um das Werk des kurz vor der Veröffentlichung verstorbenen Roberto Bolaño Ávalos zu definieren. “Ein Monster von einem Roman” ist nur ein Bild, das in verschiedenen Variationen Benutzung findet. Formulierungen wie diese lösen jedoch eins ganz unvermeidlich aus: Bolaños 2666 wird ein Roman bleiben, der sich in Literaturkreisen hoher Bekanntheit erfreut. Wirklich lesen werden ihn die wenigsten. Denn die Lektüre verlangt intellektuelle Ausdauer, die in einer Zeit der medialen Häppchenverarbeitung weitgehend untrainiert bleibt.

Gerade deswegen sollen sich auf zwei666.de Ausdauerbibliophile aus ganz Deutschland zusammentun und gemeinsam diesen “Berg von einem Werk” bezwingen, über ihre Leseeindrücke berichten, triviale und akademische Literaturkritik betreiben, Verzweiflungen und Euphorie schildern, verreißen und lobpreisen - sich also in jeglicher nur erdenkbaren Form an 2666 auslassen.

Und den besten Anreiz für eine solche Auseinandersetzung gibt Bolano selbst:

…und der klar und ohne Diskussion das kleinere dem größeren Werk vorzog. Er entschied sich für Die Verwandlung statt Der Prozess, für Bartleby statt Moby Dick, für Ein schlichtes Herz statt Bouvard et Pecuchet, für Eine Weihnachts-geschichte statt Eine Geschichte aus zwei Städten oder Pickwickier. Trauriges Paradox, dachte Amalfitano. Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die großen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der großen Meister den Vorzug. Anders gesagt: Sie wollen die großen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen die großen Meister gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergießen, tödliche Wunden und Gestank.

- Roberto Bolano, 2666. Der Teil von Amalfitano, S.282.