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Günter Landsberger, Teil von Archimboldi

Als wäre er Godot

11.12.09 | Link | 9 Kommentare

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass Wochen nach beendigter “2666″-Lektüre die Lebendigkeit meiner Erinnerung an Einzelheiten meines konzentrierten Romanlesens leider zunehmend verblasst, sich zunehmend abschwächt. Was also fällt mir jetzt noch spontan ein?

a) Ich hatte nicht oder doch nur kaum nennenswert den Eindruck, einen fragmentarischen Roman zu lesen.

b) Im Gegenteil, ich fand gerade die Anfänge und die Schlüsse der jeweiligen Romanteile ausgesprochen gekonnt und mit Blick auf das Ganze aussagekräftig. Besonders im 1. und 5. Teil (aber nicht nur da) fiel mir dabei die Technik des doppelten Schlusses auf.

c) Zudem: Mehr, viel mehr als ein bloß spannungserzeugender Kunstgriff war die durch die gewählte Abfolge der 5 Teile erreichte Zeitverschränkung; im Sinne eines “Es gibt noch Hoffnung” oder auch “Es gibt noch unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns”. (Bildlich gesprochen: Züge scheinen noch zu fahren, obwohl der Zug schon längst abgefahren ist. ODER: Letzteres vielleicht doch nicht?).

d) Wiederholt fielen mir Sätze und ganze Abschnitte auf, in denen Folgendes zu beobachten war: Eine Aussage (als Satz, als Satzteil oder als Attribut) wurde im Modus großer, ja größter Gewissheit gemacht und doch sofort danach durch eine weitere und noch eine weitere … sogleich nachgeschobene Aussage wieder relativiert - oder in Frage gestellt oder zurückgenommen oder sogar durch etwas diametral Gegensätzliches ersetzt. Oft wurde dadurch die ausdrückliche Gewährung von relativer Deutungsoffenheit suggeriert, manchmal wohl eher existentielle Unsicherheit, mitunter aber auch reine erzählerische Spiellaune.

e) Dieser Verflüssigung von zu großer Verfestigung in der Aussagenbestimmtheit im Kleinen scheint mir auch Ähnliches im Großen zu entsprechen. Zum Beispiel: Der Roman endet kurz vor Hans Reiters Abflug zu seinem Neffen nach Mexiko. Diese Zeitstelle hatte der erste Teil bereits überschritten. Auch von einem alten, körperlich großen, aber hilflos wirkenden Mann, der wahrscheinlich der von den 4 Kritikern als Person gesuchte Benno von Archimboldi ist, wird berichtet bzw. ein dementsprechender Bericht wiedergegeben. Zu einer Begegnung mit dem Gesuchten kommt es aber bis zuletzt nicht, als wäre er Godot, und es bleibt offen, ob er wirklich der Gesuchte gewesen ist. Dennoch suggeriert der 5. Teil, dass er dagewesen ist. Und dann wieder der erste Teil, dass er vielleicht am Ende doch noch da ist, ob nun als Lebender oder als Toter. Vgl. Seite 201 (”Der Betonklotz, in dem sich die Sauna befand, kam ihm - Espinoza, GFL - vor wie ein Bunker mit einem Toten (!, GFL) im Innern.” …). Hier wird zumindest bildlich der mögliche Tod Archimboldis in Mexiko, seine Anwesenheit als Toter suggeriert. Aber am Ende des 5. Teils tritt Archimboldi alias Hans Reiter höchstlebendig vor seiner Flugreise nach Santa Teresa in Erscheinung und das ist der letzte Eindruck von ihm, den der Roman uns gibt; auch wenn wir wissen oder uns zumindest bewusst machen können, dass dieser Romanschluss chronologisch eigentlich noch v o r dem Schluss von Romanteil I und II und III liegt.

Wieso nur musste ich in der Fürst-Pückler-Episode des 5. Teils, also dem Schluss gleichsam vor dem Schluss, an den Schluss von Voltaires “Candide” denken, an seine Aufforderung in den Garten zu gehen? Dennoch in den Garten zu gehen.

Originär als Kommentar zu "Das die Welt verwandelnde Ich" veröffentlicht.

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