Mit Erschrecken stelle ich fest, dass Wochen nach beendigter “2666″-Lektüre die Lebendigkeit meiner Erinnerung an Einzelheiten meines konzentrierten Romanlesens leider zunehmend verblasst, sich zunehmend abschwächt. Was also fällt mir jetzt noch spontan ein?
a) Ich hatte nicht oder doch nur kaum nennenswert den Eindruck, einen fragmentarischen Roman zu lesen.
b) Im Gegenteil, ich fand gerade die Anfänge und die Schlüsse der jeweiligen Romanteile ausgesprochen gekonnt und mit Blick auf das Ganze aussagekräftig. Besonders im 1. und 5. Teil (aber nicht nur da) fiel mir dabei die Technik des doppelten Schlusses auf.
c) Zudem: Mehr, viel mehr als ein bloß spannungserzeugender Kunstgriff war die durch die gewählte Abfolge der 5 Teile erreichte Zeitverschränkung; im Sinne eines “Es gibt noch Hoffnung” oder auch “Es gibt noch unendlich viel Hoffnung, nur nicht für uns”. (Bildlich gesprochen: Züge scheinen noch zu fahren, obwohl der Zug schon längst abgefahren ist. ODER: Letzteres vielleicht doch nicht?).
d) Wiederholt fielen mir Sätze und ganze Abschnitte auf, in denen Folgendes zu beobachten war: Eine Aussage (als Satz, als Satzteil oder als Attribut) wurde im Modus großer, ja größter Gewissheit gemacht und doch sofort danach durch eine weitere und noch eine weitere … sogleich nachgeschobene Aussage wieder relativiert - oder in Frage gestellt oder zurückgenommen oder sogar durch etwas diametral Gegensätzliches ersetzt. Oft wurde dadurch die ausdrückliche Gewährung von relativer Deutungsoffenheit suggeriert, manchmal wohl eher existentielle Unsicherheit, mitunter aber auch reine erzählerische Spiellaune.
e) Dieser Verflüssigung von zu großer Verfestigung in der Aussagenbestimmtheit im Kleinen scheint mir auch Ähnliches im Großen zu entsprechen. Zum Beispiel: Der Roman endet kurz vor Hans Reiters Abflug zu seinem Neffen nach Mexiko. Diese Zeitstelle hatte der erste Teil bereits überschritten. Auch von einem alten, körperlich großen, aber hilflos wirkenden Mann, der wahrscheinlich der von den 4 Kritikern als Person gesuchte Benno von Archimboldi ist, wird berichtet bzw. ein dementsprechender Bericht wiedergegeben. Zu einer Begegnung mit dem Gesuchten kommt es aber bis zuletzt nicht, als wäre er Godot, und es bleibt offen, ob er wirklich der Gesuchte gewesen ist. Dennoch suggeriert der 5. Teil, dass er dagewesen ist. Und dann wieder der erste Teil, dass er vielleicht am Ende doch noch da ist, ob nun als Lebender oder als Toter. Vgl. Seite 201 (”Der Betonklotz, in dem sich die Sauna befand, kam ihm - Espinoza, GFL - vor wie ein Bunker mit einem Toten (!, GFL) im Innern.” …). Hier wird zumindest bildlich der mögliche Tod Archimboldis in Mexiko, seine Anwesenheit als Toter suggeriert. Aber am Ende des 5. Teils tritt Archimboldi alias Hans Reiter höchstlebendig vor seiner Flugreise nach Santa Teresa in Erscheinung und das ist der letzte Eindruck von ihm, den der Roman uns gibt; auch wenn wir wissen oder uns zumindest bewusst machen können, dass dieser Romanschluss chronologisch eigentlich noch v o r dem Schluss von Romanteil I und II und III liegt.
Wieso nur musste ich in der Fürst-Pückler-Episode des 5. Teils, also dem Schluss gleichsam vor dem Schluss, an den Schluss von Voltaires “Candide” denken, an seine Aufforderung in den Garten zu gehen? Dennoch in den Garten zu gehen.
Originär als Kommentar zu "Das die Welt verwandelnde Ich" veröffentlicht.


Vielen Dank für den Hinweis mit dem Garten, auf die Rolle des Gartens. Hier und in den Kommentaren zum vorherigen Beitrag.
Ich hatte beim Lesen von 2666, beim Lesen der Schlussszene nur gedacht: was soll das jetzt mit Pückler und so, was soll dieses Im-Garten-Sein? Was soll nun diese Volte noch?
Stoff zum Nachdenken.
Nichts zu danken. -
Eine genauere Interpretation von “2666″ müsste unter anderem ja auch noch Funktion und Bedeutung der sonst noch in den Parks des Romans vorkommenden Szenen untersuchen, also z. B. S.67f. und S.78f. (im Hyde-Park und in Kensington Gardens in London) sowie S.841f. (in einem der öffentlichen Parks in Berlin).
Interessant finde ich auch jene Passagen in den Teilen I und V, in denen für die Kritiker bzw. Archimboldi/Reiter die Literatur mit einem Mal nicht mehr ALLES im Leben ist. Die Spannung zwischen Literatur und Leben wird im Literaturwerk “2666″ latent und offen immer mitgeliefert.
Da ich den 5. Teil ganz bewusst noch vor dem 4. Teil, also unmittelbar nach Teil I, II und III, gelesen habe, war ich unter Umständen en detail noch nicht so sehr an das Schreckliche der vielen Morde gewöhnt; - sofern man sich überhaupt an so etwas Fürchterliches “gewöhnen” kann.
Auch im 5. Teil kommt es ja zu Morden, auch außerhalb der Kriegswirren und der mitgeteilten Verbrechen des Nationalsozialismus und auch des Stalinismus. Zwei Einzelmorde (schon während und nach der Nachkriegszeit) fallen dabei als Einzelmorde besonders auf und ins Gewicht: Auch hier gibt es zumindest einen Frauenmörder (alpenländischer Provenienz), der ohne Archimboldi (Hans Reiter) und seine Frau als Mörder seiner eigenen Frau unerkannt geblieben wäre, (bei der Polizei auch unerkannt geblieben ist? - vielleicht gibt`s ja noch Lesende, die noch nicht zu Ende gelesen haben)
UND horribile dictu wäre auch Hans Reiter eigentlich straffällig geworden: er ist nach dem Krieg (nicht während des Krieges, da eben nicht!) zu einem Töter, einem Mörder an einem Mann geworden, dessen noch im Krieg begangene Verbrechen, wie Reiter mit Grund (?) annimmt, sonst ungeahndet geblieben wären. Im Klartext: Der nachmalige Dichter Archimboldi alias Reiter macht sich spontan selbst zum Richter bzw. zum unbeauftragten, mörderischen Organ und Schwert einer, wie er offenbar glaubt, sonst ausbleibenden Gerechtigkeit. Dass es aber auch bei ihm in diesem Einzelfall Mord gewesen ist, dass auch er Schuld auf sich geladen hat, wird ihm zumindest im Nachhinein bewusst; als er seiner späteren Frau Ingeborg gegenüber den (von uns zuvor als Lesern ohnehin zumindest indirekt erschlossenen) Mord gesteht (S.941), gibt er sogar ein gelegentliches Gefühl von “Reue” zu.
Der Dichter als Verbrecher? War es nicht Friedrich Nietzsche, - den ich bei RB als insgeheime Bezugsgröße oft verspüre, auch durch die Anspielungen auf Gottfried Benn hindurch - der von Dostojewskijs “bleichem Verbrechergesicht” sprach?
Welche Bedeutung “Wüste” und “Meer” in “2666″ als Metaphern und Realsymbole haben, will mir nicht aus dem Sinn. Nur bei Friedrich Nietzsche, dem dezidiert atheistischen Philosophen, und bei Meister Eckhart, dem philosophisch-dialektischen Theologen und Mystiker, (meiner Erinnerung nach auch bei Blaise Pascal und Gottfried Benn), hat beides ähnliches Gewicht und Bedeutung. Für mich ist RB als Romancier weder ein Atheist oder gar Satansjünger, noch ein positiv Glaubender; aber auch kein Indifferentist, sprich, ein im metaphysisch-religiösen Sinne Gleichgültiger. Ich spüre bei Bolaño (in aller Dezenz!) im Hintergrund eine Haltung negativer Theologie, die meinem Gefühl und meiner Einsicht nach auf keinen Fall plump und buchstäblich ins ausdrückbar Positive umgedeutet werden darf. Eine nachgetragene Diskussion Bolaños mit so unterschiedlichen und in ihrer Metaphorik bzw. Realsymbolik sich doch nicht ganz ausschließenden Geistern wie Nietzsche und Meister Eckhart könnte, wie mir scheint, recht interessant und aufschlussreich sein.
Eine andere Fährte würde ich von folgendem, mich sogleich geheimnisvoll ansprechendem Satz auf Seite 893 her verfolgen:
“Ansky denkt an parallele Universen.”
(Hier wird die heutzutage virulent geläufige Vokabel “Parallelgesellschaft” unendlich überboten und wir, sofern wir es wollen, zum Nachdenken gebracht.)
Hängt der für meine Begriffe richtig gespürte Eindruck einer “negativen Theologie” vielleicht mit einer Form gerade des Katholizismus in Lateinamerika zusammen, der einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur Vorschub leistet? Ich weiß nicht, ob ich mich wiederhole: Die menschliche Sexualität stellt sich in einer patriarchalen Gesellschaft oft als aggressiv und damit letztlich tödlich heraus. Das männliche Bewußtsein projiziert die Frau als Besitz, den man in einer kapitalistisch geprägten Wirtschaftsform auch nicht aufgeben will, um den man kämpft und nach dem Mann süchtig wird. Die Frau als Ware. Die Liberalisierung auf dem Markt verkaufter Haut, hat sie uns wirklich reicher gemacht? Eros und Tod, werden nicht fast alle Frauen im 4. Teil “vaginal und anal” vergewaltigt? Ist das Böse nicht auch Ausdruck eines immer vorhandenen Triebes, vor allem wenn er religiös eingeengt und unterdrückt wird? Kann eine Flucht daraus, eine Utopie etwas anderes sein als ein “paralleles Universum”? Insofern ist die Wüste ein Bild für eine Welt des Grauens, in der wir hilflos scheitern und das Meer ist ein Bild der Sehnsucht, ein utopischer Traum von einer besseren Welt. Was aber, wenn auch das Wasser der Oase Meer sich als grauenvoll vergiftet herausstellt?
Was anderes noch. -
Von Anfang an habe ich mich gefragt, was Benno von Archimboldi (bzw. Roberto Bolaño durch ihn hindurch) ausgerechnet an Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf interessiert haben mag (vgl. S.16). Von den “vielfältigen Verkleidungen von Gewissen und Schuld” ist in der Interpretation Morinis nicht nur mit Bezug auf den als erotisch apostrophierten Roman “Letea”, sondern auch mit Bezug auf den schmalen Roman “Bitzius” die Rede. Ob dabei thematisch in Gotthelfs Werk - vom Leben des Albert Bitzius mal abgesehen - nur dessen bekannteste Erzählung “Die schwarze Spinne” im Blick ist?
Jedenfalls die Initialen des Albert Bitzius - AB - sind auch die des Bolaño-Pendants Arturo Belano bzw. die von Benno (von) Archimboldi, in der umgekehrten Reihenfolge der Initialbuchstaben.
Auch die Konstellation eines bürgerlichen Namens (Albert Bitzius / Hans Reiter) und eines pseudonymen Künstlernamens (Jeremias Gotthelf / Benno von Archimboldi) ist ja vergleichbar.
Als ich dann aber auf das (offenbar berühmte!) Zitat stieß, in dem Albert Bitzius von seiner Verwandlung in den Schriftsteller Jeremias Gotthelf sprach, wurde ich hellhörig. Die ganze Passage aus dem Brief an Carl Bitzius vom 16. Dezember 1838 müsste eigentlich hier buchstabierend zitiert werden. Insbesondere auf den Namen Hans R e i t e r hin und seine uranfängliche Nähe zum Wasser.
Einige der Passagen aus dem Brief lauten wie folgt:
“Von allen Seiten gelähmt, niedergehalten; ich konnte nirgends ein freies Tun sprudeln lassen. Konnte mich nicht einmal ordentlich ausreiten, hätte ich alle zwei Tage einen Ritt tun können, ich hätte nie geschrieben. Begreife nun, dass ein wildes Leben in mir wogte … Dieses Leben musste sich entweder aufzehren oder losbrechen auf irgendeine Weise. Es tat es in Schrift. Und dass es nun ein förmlich Losbrechen einer lange verhaltenen Kraft, ich möchte sagen der Ausbruch eines Bergsees ist, das bedenkt man natürlich nicht. Ein solcher See bricht in wilden Fluten los … und führt Dreck und Steine mit in wildem Graus.” …
“So ist mein Schreiben auch gewesen ein Bahnbrechen, ein wildes Umsichschlagen nach allen Seiten hin …”
Vgl. Werner Weber: “Sprache aus Alltag mit Ewigkeitsbezug / Zum 200. Geburtstag von Jeremias Gotthelf” ( in NZZ, 4./5.10.1997, Nr.230, S.49)
und:
Hanns Peter Holl: “Jeremias Gotthelf / Leben Werk Zeit”, Zürich und München 1988, S.92f.
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может у кого нить есть ещё информация по этому поводу??