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Teil von Archimboldi, Thorsten Wiesmann

Das die Welt verwandelnde Ich

08.12.09 | Link | 11 Kommentare

“Die Musik bewirkte anfangs Angst; durch die Angst wurdest du bedrückt. Dann ließ ich die Erschöpfung folgen; durch die Erschöpfung wurdest du vereinsamt. Zum Schluss erzeugte ich Verwirrung; durch Verwirrung fühltest du dich als Tor. Durch die Torheit gehst du ein zum Sinn. Also kannst du den Sinn beherbergen und eins mit ihm werden.”

Dschung Dsi “Das wahre Buch vom südlichen Blütenwind”

Bolaño bedient sich oft der Whitman Geste, die es ermöglicht Poesie noch in dem ganz prosaischen Leben aufzuspüren. Worauf es ihm ankommt ist das Schöne, das dem Hässlichen abgerungen wird. Es geht ihm nicht um die Darstellung des Nur-Schönen, ebenso wenig um die Darstellung des Nur-Hässlichen. Schiller gelangte zur selben entscheidende Einsicht als er erkannte, dass das Schöne durch die Aufhebung der Polaritäten entsteht, für die er den Ausdruck Spieltrieb bildete. Damit überwand er den Abgrund zwischen Sein und Denken. Die aus dem Spieltrieb entstehende Freiheit ist eine höhere Freiheit (die viele Figuren bei Bolaño im Ansatz verkörpern), weil sie nicht nur das Ich betrifft, sondern auch die Welt: Das die Welt verwandelnde Ich. In der Entfaltung des Spieltriebs wird das Ich nicht nur selber frei: Es kann zugleich Freiheit geben. Diese Freiheit heißt dann zurecht Liebe.

Echte Kunst zeichnet sich wohl dadurch aus, dass sie Hässlichkeit von Zerstörung und Tod für unser Unterbewusstsein weniger verführerisch macht. Sie macht uns Selbstbewusst in Bezug auf diese Hässlichkeit, damit wir ihr nicht länger machtlos ausgeliefert sind. Das Mittel mit dem Kunst dies schafft ist eine gewisse kindliche Ernsthaftigkeit und Naivität.

Das Schreiben soll nach Pater oder auch Kawabata Begegnungen mit dem Schönen dokumentieren. Doch diese Schönheit soll ihrerseits intensiv ausgelebter Vitalität entströmen. Nur wenige Schriftsteller entdecken sie, kleine Kinder, junge Frauen und sterbende Männer können sich noch am ehesten auf solche Entdeckungsreisen begeben. Die Menschen bei Bolaño sprechen und erzählen gleichzeitig auf eine solche Art eben, dass ihrem Wahrnehmen oft eine gewisse Naivität und Direktheit innewohnt, die es uns als Lesern ermöglicht unmittelbar ihr Leben und dessen Erfahrungen zu teilen. Es ist geradezu so, als könne uns Bolaño von der Kraft befreien, die normaler Weise die Realität okkupiert hält und die es ist, die uns bislang in die allgemeine Täuschung verstrickt und unsere Seelen und Aktionen gefangen gehalten hat. (Man könnte diese Kraft mit einer Figur Bolaños als Anschein bezeichnen. Oder mit Faucault als Heterotopie, dessen Begriff dafür, das es immer das Sichtbare ist, welches das Sagbare möglicht macht. Oder vielleicht auch einfach als Glamour und Illusion.)

Schauen wir uns diesbezüglich den fünften und letzte Teil des Romans 2666 an. In diesem Teil geht es darum, wie aus einem Mann mit dem Namen Reiter ein anderer mit dem Namen Benno von Archimboldi wird, aus einem verträumten Jungen ein Schriftsteller. In dieser Genese eines Autors spiegelt sich der ganze Roman, den wir zuvor meinten gelesen zu haben derart, dass sich erzählte Handlungen und deren Implikationen vor uns wie durch ein Kaleidoskop betrachtet beginnen aufzufächern. In diesem Essay der Synthese wird das Unsichtbare sichtbar, indem der Leser immer weiter eingetaucht wird in die Reflexionen einer Person und die sie umgebende Welt. Das Ergebnis ist Literatur als transparente poetische Kommunikation.

Das eigene Leben, wie das von Reiter/Archimboldi, ergibt sich erst aus den Reflexionen, die es in anderen Menschen hervorzurufen vermag. (In sofern sind wir auf die ein oder andere Art wirklich alle Autoren unseres eigenen Lebens.) Und einmal auf dieser Ebene angelangt, beginnt alles an Bedeutung zu gewinnen erst im umfassenden Bezug zueinander. Ein Mensch ist tatsächlich die Summe seiner Wahrnehmungen und diese schaffen sich über den Raum hinweg jederzeit ihre ihr entsprechende Wirklichkeit.

Indem Bolaño in dem Roman 2666 beschreibt welche Einflüsse aus jemanden einen mythischen Autor machen wird er selbst zu so einem. Und diese Einflüsse bestehen eben aus einer ganzen Reihe schrittweise aufeinander folgender entgrenzender, das Gehirn aus  seinen Konditionierungen befreienden Erfahrungen, oder Reflexionen solcher Erfahrungen ( Ansky/ Wilke/Ivanov/Entrescu/Ingeborg/Halder/Sammer…)
Die einzelne Person ist nichts, eine Illusion — nur das Zusammenspiel aller Begegnungen macht aus uns das, was wir sind. Wir verschmelzen zunehmend mit allem was wir begegnen, je mehr uns dies erst einmal bewusst wird.

implizit.blogspot.com

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