Liebe Bolañisten,
der Teil der Kritiker liegt nun hinter uns und viele haben bereits begonnen, den Teil von Amalfitano zu lesen. Vielen Dank an jeden und jede, die sich in den ersten Wochen mit Beiträgen, Kommentaren, Tweets, Mails und Ideen an dem Projekt beteiligt haben! In den letzten Tagen hatte ich einige Probleme mit Spam-Mails, dabei ist einige Post in den Spamordner gerutscht, die dort eigentlich nichts zu suchen hat. Falls Ihr also einen Beitrag geschickt habt und er noch nicht veröffentlicht wurde, sendet ihn bitte ein zweites Mal an blog@zwei666.de.
Ich bin immernoch überrascht, wie hoch die täglichen Besucherzahlen sind, vielen Dank für das Interesse! Doch obwohl die Besucherzahlen nichts zu wünschen übrig lassen, suche ich immernoch Leser, die sich gelegentlich aktiv an der Seite beteiligen, indem sie Beiträge verfassen, sei es für ein einziges Mal, wöchentlich oder monatlich. Wer Lust hat, einen Beitrag auf der Startseite zu veröffentlichen, kann gern unaufgefordert eine Email an blog@zwei666.de addressieren, im Betreff bitte den Titel des Beitrags. Gerne auch mit einer kurzen biografischen Notiz. Bei täglichen Besucherzahlen im drei- bis vierstelligen Bereich erreicht man so eine recht breite Öffentlichkeit, darunter, das zeigen die Emails, viele Interessierte aus dem Verlagswesen und dem Literaturbetrieb generell.
In freudiger Erwartung der ersten Beiträge zu unserem Philosophen Amalfitano, dem Buch auf der Wäscheleine oder was bei der Lektüre des zweiten Teils von 2666 auch immer in den Sinn kommen mag.
Euer Marvin Kleinemeier!


Bis zum Ende der letzten Woche habe ich mit anhaltendem, sehr großem Interesse die ersten drei Teile von “2666″ gelesen. Vor allem der erste Teil des Romans hat mir sehr gut gefallen, auch wenn der zweite und dritte Teil ihm an Qualität nur ganz wenig nachstehen. Den vierten Teil habe ich auch schon zu lesen angefangen, nehme mir - gerade auch als alter “Rayuela”-Leser - nun aber doch die Freiheit, den fünften, der mich im Moment am meisten interessiert, vorweg zu lesen, um erst danach die vollständige Lektüre des 4. Teils nachzuholen und meine Romanerkundung womöglich durch die nochmalige Lektüre des Schlussteils fürs erste abzuschließen.
Im übrigen kann ich mir sehr gut vorstellen, den ganzen Roman gleich nach dem ersten Durchgang noch einmal zu lesen.
PS: Ein hervorstechendes Merkmal, das mir in den ersten drei Teilen immer wieder aufgefallen ist, ist die reiche Fülle an Traumerzählungen und Traumwiedergaben. - Auch die Tendenz zu gleitenden Übergängen extremster bzw. modifiziert differenzierender Art scheint mir - in einem stilistisch-gedanklichen Sinne - adäquat für die erzählerisch vermittelte, ja nahegelegte Weltsicht von Unsicherheit und Offenheit zu sein.
Individuell gesehen hat es sich für mich als richtig erwiesen, meine Lektüre des vierten Teils von “2666″ auf S.445 vorerst zu unterbrechen und ab S.773 den 5. Teil, den “Teil von Archimboldi”, lektüremäßig vorzuziehen. Inzwischen bin ich auf Seite 912 angekommen. Jedoch: Keine Angst, ich werde auf keinen Fall jetzt spannungstötend verfahren und etwa Inhaltliches verraten.
Hier zunächst nur dies: Bei der fortlaufenden Lektüre stoße ich ganz nebenbei wie schon zuvor auf eigene Erinnerungen an bereits von mir anderswo Gelesenes oder geradezu auf Stellen, die mir - zwar nur für mich vernehmlich, aber doch dringend mahnend - die Lektüre eines weiteren, ganz bestimmten Buches nahezulegen scheinen, ohne dass dieses (anders als etwa im Fall von Andrej Belyjs Roman “Petersburg” auf Seite 869) direkt genannt worden wäre.
So dachte ich z. B. auf S.846 sofort an Julio Cortázars kurze Erzählung “Die Nacht auf dem Rücken”; und auf Seite 882 fühlte ich mich dazu gedrängt, nun endlich Karl Schlögels wohl zu Recht gerühmtes Buch “Terror und Traum / Moskau 1937″ (München 2008) vollständig zu lesen, ähnlich wie sich mir auf der Seite 822ff der Blick in Mihail Sebastians Tagebücher 1935-44 (Berlin 2005; zuvor schon: Bukarest 1996 + Paris 1998) dringend nahelegte. Dort im Tagebuchband findet sich z. B. eine vor allem ab Seite 848 für uns “2666″-Leser… wichtige Zeittafel (S.839 - S.851) über die Geschehnisse in und um Rumänien. Besonders interessant fand ich aber folgenden Fund (aus dem Jahr 1941) in Mihal Sebastians Tagebuch, vor allem wegen des allerletzten Satzes des hier dennoch insgesamt zu zitierenden Abschnitts (a.a.O., S.513):
“Sonntag, 20. Juli
Ich lese gerade in “Krieg und Frieden” die Abschnitte über den Fall der Stadt Smolensk im August 1812. Und gerade jetzt findet vor den Mauern derselben Stadt eine ähnliche Schlacht statt. Tolstoi ist ein großartigerer, lehrrreicherer und aktuellerer Autor, als ich dachte. Napoleons Unterredung mit Bolohov, dem Gesandten von Zar Alexander, hat täuschende Ähnlichkeit mit Coulondres letzter Unterredung mit Hitler im August 1939. Und die Stimmung in Moskau vor dem Kriegsausbruch (Geflüster, Gerüchte, Voraussagen, allgemeine Verwirrung) ist dieselbe Stimmung, in der wir selbst seit zwei Jahren leben. Ulkig, dass es auch damals Leute gab, die Napoleons Figur in der “Apokalypse” des Neuen Testaments entdeckten und die Buchstaben seines Namens so zählten, dass sie die Zahl 666 ergaben.”
Im 5. Teil, dem “Teil von Archimboldi”, endet der ganze Roman im Jahr 2001 (vgl. S. 1077 und S.1085); was dann aber auch schon, wie sich zumindest indirekt und im nachhinein herausstellt, für den Schluss des ersten Teils gegolten hat (S.200 + S. 201, S.138 + S.131).
Wir befinden uns demnach ganz zuletzt von I und V im ersten Jahr der vom Titel her mit Symbolsinn noch ausstehenden 666 Jahre?
Im gesamten Roman “2666″ wird Alfred Döblin und sein Werk durchweg positiv erwähnt. Einmal ausdrücklich unter anderem auch sein großartiger Roman von 1924 “Berge Meere und Giganten” (S.870). Mir fällt auf, dass schon dieser Roman Döblins zeitlich bis mindestens ins 6. Jahrhundert des 3. Jahrtausends vorstößt. Eine Jahreszahl um etwa 2600 darf man dabei wohl als erreichte ins Auge fassen.
Nebenbei:
Glückwunsch an Herta Müller zum diesjährigen Literaturnobelpreis! -
Um aber auf “2666″ zurückzukommen: Ob es summarisch oder auch nur spielerisch ins Gewicht fällt, dass der auf S.884 ausdrücklich im Roman selber als Bezug herausgestellte Giuseppe Arcimboldo (1527 - 1593) 66 Jahre alt geworden ist, kann man sich zumindest fragen.
Mal ins Buch gehen? So richtig, ohne Nichts?
Fangen wir vorsichtig an
1. Einen Ort namens Santa Teresa von der beschriebenen Größe gibt es nicht in Mexiko, ebensowenig war der Autor des “Slave Trade”, Hugh Thomas, Professor auf einer Militärischen Uni. Aber es gab den Kerl. Der Black Panther-Mensch hieß Seale und nicht Seaman, und sein Vortrag ist ein arger Spaß, den Bolano mit dem Leser treibt. Schon mal jemand was nachgekocht?
Die Route, die Fate in Mexiko nimmt, lässt sich nicht nachverfolgen. Alles verschwimmt, wenn man versucht, die scheinbaren Fakten zu verifizieren.
2. Natürlich macht der erste und der dritte Teil mehr Spaß zu lesen, weil er der Berichtsform größtenteils entbehrt, die den Hauptteil des Amalfitanotextes ausmachen. Fate ist unter erzählerischen und strukturellen Aspekten natürlich der fließendste und somit leichteste Text, da er mit nur einem (größtenteils äußeren)Handlungsstrang auskommt. Durchatmen.
Dennoch verbirgt sich in Teil 2 phantastisches. Diestes Geometrisches Vermächtnis und die philosophischen Diagramme und Spielereien dienen nur als nur Ablenkung vom araukanischen Büchlein, welches Amalfitano offenbar selbst geschrieben hat (281), woraus was für seine Person folgt?
3. Filtern. Oder veräppeln lassen.
P.S. Als langjähriger Buchhändler, Buchkritiker und Rezensent muss ich leider konstatieren, daß die Jury des Nobelpreises für Literatur erneut eine vollkommen unverständliche Wahl getroffen hat wie in ca. 80 Prozent aller Fälle. ES wäre wirklich zu begrüßen, wenn in Zukunft mehr Autoren wegen ihres Talents und nicht wegen irgendwelcher politischer Engagements oder situativer Bezüge gekürt würden. Man muss sich wirklich fragen, wer den Damen und Herren in Stockholm wieder ins Gehirn ge******** hat, entschuldigung. Dazu ließe sich mehr sagen - aber falsche Plattform.
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