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Gastbeiträge, Teil der Kritiker

Günter Landsberger: Zum Baudelaire-Motto Von „2666“

12.09.09 | Link | 24 Kommentare

In der Broschüre zur deutschen Ausgabe des Romans „2666“ wird auf Seite 15 Bolaño zitiert mit dem Satz:

„Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.“

Ersetzte man das Wort „Schriftsteller“ ohne jede sonstige Veränderung der Wortfolge durch das Wort „Leser“, wäre dieser Satz für mich noch immer stimmig, ja dann erst recht.

So bin ich vor nicht ganz einer Woche sehr bereitwillig in diese Erzählwelt eingetaucht und heute auf Seite 201 angekommen. Auch den Titel „2666“ habe ich dabei nicht als Sperre, sondern als ein vielleicht irgendwann einmal offenbar werdendes Geheimnis betrachtet, als ein „offenbares Geheimnis“, was ein wirkliches Kunstwerk (insgesamt und im einzelnen) laut Goethe ja bekanntlich immer ist.

Das wie in Analogie zu Dantes „Lasst alle Hoffnung fahren“ herausgestellte Baudelaire-Motto an der Schwelle zum Romananfang (S.7) beschwört die immer noch aktuellen Metaphern der Moderne herauf: Grauen, Wüste, Langeweile; in der Form geschichtsphilosophischer Gleichzeitigkeit ausgedrückt also: Poe, Nietzsche, Schopenhauer. Dennoch: die Akzentuierung des adoptierten Baudelaire-Satzes „Eine Oase des Grauens in einer Wüste der Langeweile“ öffnet weniger den Blick auf Schopenhauers oasenähnliche, vor allem als „Kunst“ und „Ästhetik“ identifizierbare „Lichtpunkte im Sansara“ als auf die Umkehrung des oasenhaft Schönen ins Grässliche inmitten einer bereits Nietzsche vorwegnehmenden Metapher von der alle Lebensverhältnisse prägend durchdringenden „Wüste der Langeweile“. In dieser Metapher „Wüste der Langeweile“ schießen für mich vorwegnehmend gleich zwei Nietzsche-Wendungen zusammen: einmal die Wendung von der „ewigen Wiederkehr des ewig Gleichen“ und jene ähnlich bekannte: „Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten in sich birgt“. -

Jetzt aber Baudelaire. Eigentlich ist ja eine Oase etwas erfrischend Lebendiges, Belebendes, vielleicht Beglückendes. Und nun tritt faute de mieux (mangels eines Besseren) das Grauen an seine Stelle. Dem nahezu entsprechend heißt es auch schon in Heines Gedicht „Anno 1829“: „Oh, daß ich große Laster säh, / Verbrechen, blutig, kolossal, - / Nur diese satte Tugend nicht, / Und zahlungsfähige Moral!“
Und wenn wir uns an Walter Benjamins gelegentliche Definition des Glücks erinnern? Heißt es bei ihm nicht, Glück sei – wäre? - ein Zustand, in dem man „ohne Grauen“ seiner selbst innezuwerden vermöchte?
Ist denn dann das Grauen – horribile dictu – der Platzhalter des verlorenen oder gar des vorenthaltenen Glücks?

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