Alles, was wir über Anne Moore erfahren, erfahren wir durch den namenlosen Ich-Erzähler. Was dessen Verbindung zu Anne ist, klärt sich erst recht spät in der Geschichte. Zu Beginn scheint es, als würde hier ein einfacher Bericht gegeben. Und der handelt von einer Frau namens Anne Moore, die in ihrer Jugend in ein Ereignis verwickelt wird, das im Rückblick eine Art Muster für ihr ganzes Leben vorgibt, ihr Leben geradezu präfiguriert. Es ist ein rastloses, haltloses Leben.
Anne wächst in einem kleinen Ort in den USA auf, gemeinsam mit ihrer älteren Schwester. Zum Studieren zieht sie nach San Francisco, dort beginnt sie eine Beziehung zu einem jungen Maler, Paul. Die Sommer verbringen sie in Mexico, wo Anne Rubén begegnet, mit dem sie im zweiten Jahr eine Affäre hat. Sie bleibt in Mexico, doch irgendwann ist auch das wieder vorbei, und sie kehrt nach San Francisco zurück. Der nächste Mann, mit dem sie zusammen ist, will sie auf den Strich schicken. Sie lebt einige Jahre allein, schläft hin und wieder mit Paul und lernt schließlich Tony kennen, den sie sogar heiratet und mit dem sie ein neues Leben in Seattle anfängt. Das geht eine Zeitlang gut, dann verlässt sie ihn und beginnt die nächste Beziehung. Ihr Exmann bringt sich um, ihre Schwester ist längst zur Alkoholikerin geworden, beide Frauen scheitern auf ihre je eigene Weise am Leben.
Irgendwann, man hat als Leser schon den Überblick über diese ständigen Veränderungen verloren, die doch nichts anderes sind als ein Stillstand in Verkleidung, lernt Anne den Ich-Erzähler kennen. Das bedeutet nicht wirklich eine Wende in ihrem Leben, doch für Momente scheint in der Beziehung zum Erzähler eine andere Art von Leben auf, das von einer freundlichen, aufmerksamen Zuwendung geprägt ist. Auch Anne und der Erzähler trennen sich (oder werden getrennt) und treffen sich dann eines Tages unvermittelt wieder. An dieser Stelle steht der schönste Satz der Erzählung: “An diesem Nachmittag schliefen wir miteinander, um vor allem die unbändige Freude zu verbergen, die wir über unser Wiedersehen empfanden.”
Entgegen der landläufigen Meinung, dass Sex die intimste Verbindung zwischen zwei Menschen sein kann, ist es hier genau umgekehrt: eine Intimität entsteht, die so überwältigend ist, dass nur der Sex sie wieder entschärfen kann, der vor diesem Hintergrund plötzlich etwas Sekundäres ist. Doch auch das vergeht, die Wege Annes und des Erzählers trennen sich erneut, diesmal endgültig.
Auch diese Erzählung Bolaños zerreißt einem das Herz, der Leser ist genauso machtlos wie Anne, der es nicht gelingt, ihr Leben so zu leben, wie sie es sich wünscht. Immerhin gibt es in diesem Fall so etwas wie eine Erklärung, nämlich den Vorfall in Annes Jugend: Der Freund ihrer älteren Schwester tötet seine Eltern und fährt nach der Tat stundenlang mit den beiden Mädchen in seinem Wagen durch die Gegend. Die Mädchen wissen nicht, was los ist, aber sie spüren die Bedrohung, die Dunkelheit, die von dieser Fahrt ausgeht. Am Ende hält der Wagen vor dem Elternhaus des jungen Mannes, der keine Anstalten macht auszusteigen, sondern wie gelähmt am Steuer sitzen bleibt, solange, bis schließlich die Ältere die Initiative ergreift: Sie steigt aus, nimmt ihre kleine Schwester mit und macht sich zu Fuß auf den Heimweg. Vielleicht ist es aber auch ganz anders, und der Mord geschieht erst nach dieser quälenden Fahrt - anhand der Informationen in der Geschichte lässt sich der Zeitpunkt der Tat nicht eindeutig bestimmen. Und das macht die ganze Sache nur noch schlimmer.
Angenommen, die Tat wäre schon passiert, dann wären Anne und ihre Schwester die potentiellen Opfer, sie hätten selbst getötet werden können oder hätten einen Schock erlitten, wenn sie das Haus mit den getöteten Eltern betreten hätten. Es leuchtet ein, dass solch ein traumatisches Erlebnis die Ursache für das Scheitern der Schwestern sein könnte. So wie sie damals ziellos durch die Gegend gefahren sind, so ziellos driften sie auch durchs Leben.
Doch was, wenn der Mord erst danach geschehen ist? Dann könnte das Verhalten der Schwestern während dieser Fahrt womöglich sogar der Auslöser für die Tat sein, statt potentieller Opfer wären sie zu Komplizen geworden. Etwas, das sie getan bzw. nicht getan haben, hat Fred so sehr in Bedrängnis gebracht, dass er keinen anderen Weg mehr sah, als seine Eltern zu töten. Es ist dann nicht der Schock, sondern die Schuld, die ihr Leben zerstört hat. Eine Schuld, die schon deshalb nicht zu tilgen ist, weil sie vielleicht gar nicht vorhanden ist. Das ist das eigentlich Verstörende an Anne Moores Leben: Sie geht zugrunde an etwas, dass sich immerfort dem Zugriff entzieht. Wir können uns damit abfinden, dass Dinge, auch schlimme Dinge, geschehen sind; aber dass sie geschehen sind oder nicht, das ist nicht auszuhalten.
Thorsten Krämer, geboren 1971, lebt in Köln. Veröffentlichungen: “Ich heiße Hal Hartley”, Film in Worten, 1998; “Fast schon ein Glück”, Erzählungen, 1998; “Neue Musik aus Japan”, Roman, 1999, “The Democratic Forest”, Gedichte, 2008. Im Dezember erscheint der Erzählungsband “Cabrio”, im nächsten Jahr der Roman “Donnerflug”. www.yeh.de
Schon vor Jahren las ich eine Geschichte eines pan-lateinamerikanischen Autors, die ich Euch gerne erzählen würde, doch damals wusste ich noch nicht, dass man diese Geschichte eigentlich wie ein Märchen erzählen sollte und das führt mich schließlich jetzt dazu mit meiner Erinnerung unter eine Decke aus Zeit vorstoßen zu müssen. Es ist halt niemals die Geschichte die man herbeisehnt diejenige, die alles verändern würde. Jedes Wesen aktualisiert trotzdem beständig eine Virtualität, von der es selbst am meisten überrascht ist. Geschichten sind meist nur Spiegelungen der Wirklichkeit, die lyrische Verträumtheit mit abgrundtiefer Bösartigkeit zusammenschweißen. Ich finde mit Geschichten muss man sehr abstrakt umgehen, gewissermaßen wie mit Erinnerungen.
Gerade, während ich dies schreibe, werden vielleicht die Daten von Millionen Privatkunden unter der Agide dubioser Scheinfirmen versteigert. Die alte Wirklichkeit löst sich rapide auf und wir Menschen passen uns so gut diesem Wandel an, dass wir gar nicht bemerken, was sich alles verändert. Wir bemerken die tiefergreifende Veränderung nicht, die eigentlich vor sich geht, weil sich die eigene Wahrnehmung und auch die eigenen Werte mit verändern. So ergeht er jedenfalls der europäischen Prime-Time Diva Joanna Silvestri, die selbstmörderisch drauf ist und in den Staaten in der Scheiße sitzt. Sie verdeutlicht uns mit ihrer halb im Nirgendwo versackenden Biografie vielleicht besser als vieles andere, wie das so für jede Menge Menschen heutzutage ist, wenn sie sich plötzlich wieder finden als globales Einzelschicksal, irgendwo angespült innerhalb einer Sackgasse der Weltgeschichte, der Liebesexperimente… der ganz privaten Obsessionen. (Manchmal ist Bolaño gut in der Rolle seiner Figuren, ist ganz nah an ihnen dran, schmerzhaft nah, so nah wie ein blutgieriger Reporter, der in seiner grausamen Direktheit uns immer tiefer mit hineinzieht in die Verworfenheit von der er berichtet. Ja, er feiert geradezu die Verworfenheit als Bedingung des Anderen, des Guten - alles scheint bei ihm oft in einer Art monströsen Normalität befangen zu sein.)
Bolaños Erzählungen schreiben sich eigentlich erst im Hirn des Lesers, weil dieser beständig gezwungen ist abzuwägen, wo der Wahnsinn anfängt und die Methode wird. Aber wenn wir mal ehrlich sind, ist es so nicht auch im Leben? Wenn wir jedem einzelnen Wort Aufmerksamkeit schenken würden, könnten wir das vielleicht erkennen. Könnten das Gefängnis unseres Denkens verlassen — und begännen das Schweigen zu achten. Das ist das Paradox jeder guten Literatur und Dichtung: Sie lehrt uns das Schweigen zu achten und so öffnet sich uns ein Raum der reinen potentiellen Erwartung.
Oft gibt es Erfahrungen im Leben von Menschen, die sie auf ewig verfolgen, aber wenn wir mal an solchen Menschen auf der Strasse vorbeigehen, fällt uns gar nichts ungewöhnliches an ihnen auf. Darum geht es wohl eigentlich in dieser Erzählung. Und gleichzeitig geht es auch darum, wie ein Traum für uns in Erfüllung gehen kann und dann Besitz von uns ergreift. Denn wenn wir dabei sind Träumen hinterher zu jagen wissen wir ja vorher nie genau wohin uns das führen wird, genauso wenig wie wir nie ganz verstehen können, wieso überhaupt ein bestimmter Traum eins zu uns kam.
“Clara”: DAS ZITTERN DER STILLE
Der mittellose Erzähler verliebt sich als junger Mann in eine hübsche, 18jährige, spanische Studentin der Musik und Malerei, die in Barcelona Urlaub macht, „die Frau seines Lebens“ (S. 169). Nach ihrem Urlaub reist sie in ihre südspanische Heimatstadt zurück, und da ihr Interesse an ihren Studien nicht allzu groß ist, nimmt sie an einem Schönheitswettbewerb teil, in dem sie nur einen für sie enttäuschenden zweiten Platz erringt. Um ihr in ihrer Depression zu helfen, aber auch um seine eigenen Gefühle zu klären, reist er ihr nach. Einen Monat lang führen sie eine recht glückliche Beziehung, die er mit ihr in Barcelona fortsetzen möchte, sie aber lehnt ab, weil der Vorschlag, in Barcelona zusammen zu leben, sie unter Druck setzt. Die Beziehung geht mit zunächst emotionalen, später vernünftigeren Telefongesprächen zu Ende.
Clara hat psychische Probleme, träumt von Ratten und heiratet kurz nach der Trennung vom Erzähler einen gewalttätigen Mann, von dem sie sich nach ein- oder zweijähriger Ehe wieder scheiden lässt. Sie probiert sich in unterschiedlichen Berufsausbildungen, ohne Beziehung aber kommen die psychosomatischen Krankheiten zurück. Sie lernt einen gebildeten Angestellten kennen, wird seine Geliebte, erlernt einen bürgerlichen Beruf. Die Beziehung bleibt kinderlos. Sie begeht einen Seitensprung, Luis verlässt sie und ihre Depressionen muss sie psychiatrisch behandeln lassen. Während dieser Zeit schläft sie mit einigen Männern, auch wieder mit dem Erzähler, der sie als stark suizidgefährdet empfindet. Er verlässt sie jedoch und erfährt nur in Telefongesprächen etwas über Claras weiteren Lebensweg. Ihre psychische Erkrankung stabilisiert sich, sie verändert sich beruflich und heiratet in zweiter Ehe einen ihrer neugewonnenen Freunde. Mit inzwischen 35 bekommt sie ein Kind von Paco.
Der Erzähler hat ein letztes desillusionierendes Treffen mit ihr. Sie ist dick geworden, ihr Lächeln verhärtet. Sie trinken kurz einen Kaffee zusammen und sehen sich nie wieder. Bei den noch gelegentlich stattfindenden Telefongesprächen gesteht Clara dem Erzähler, dass sie Krebs hat. Vor einer Operation verschwindet sie spurlos und begeht Selbstmord. Die letzten Gespräche waren eisig, beim Erzähler beginnt ein unaufhaltsamer Prozess des Vergessens.
INTERPRETATION
Der Erzähler in „Clara“ fühlt sich schuldig gegenüber der früheren Geliebten. Am Anfang war es die große Liebe, am Ende ist man zu sprachlosen Fremden geworden, deren Kälte man spürt. Auch was einst sexuell reizvoll erschien, hat sich geändert. Clara hatte große Brüste, jetzt träumt der Erzähler von schlanken Frauen mit kleinen Brüsten. Auf zwölf Seiten gelingt es Bolano eine Atmosphäre der Vergeblichkeit und des Scheiterns zu erzeugen. Aus dem freien, künstlerisch begabten Mädchen wird eine normale, bürgerliche Frau mit Kind und Scheidung, die auch noch an Brustkrebs erkrankt. Die Distanz zwischen Autor und Ich-Erzähler ist hier noch bei weitem nicht so groß wie in „2666“ , wo sich das Alter Ego des Autors auf mehrere, wenn nicht auf alle Figuren verteilt. Hier ist Bolano hinter Belano, wie sich der Ich-Erzähler des Öfteren nennt, noch klar zu erkennen.
Autobiographisches findet sich nicht nur in dem Ort des Geschehens: Barcelona. Der Ich-Erzähler hat wie Clara und Bolano einen Sohn. Die wirkliche Clara aus der Biographie Bolanos ist literarisch gesehen uninteressant, ich bin für eine werkimmanente Interpretation, gerade weil Journalismus, bisweilen auch die Literaturkritik, gern mal in „schmutziger Wäsche“ badet.
“Zellengenossen”: ICH UND MEINE UNBEGREIFLICH WAHNSINNIGEN FRAUEN
Sofia heißt in diesem Fall die spanische, antifranquistische Studentin, die zur gleichen Zeit wie der Erzähler 1973 in Chile in Spanien im Gefängnis sitzt. (Bolaño spielt mit der eigenen Biographie) Jetzt ist sie seine promiskuitive Geliebte. Wir befinden uns im Umfeld eines spanischen Studentenmilieus, in der man Sekundärliteratur über Hegel liest, die die Frauen natürlich nicht verstehen. Sie sind dazu da, beschlafen zu werden, und möglichst nicht immer in der gleichen Stellung. Sofia schläft zur gleichen Zeit mit einem kommunistischen Kommilitonen. Sie war allerdings auch schon mit Emilio verheiratet, man studierte die gleiche Fachrichtung. Gelesen wird Valerie Solanas und Ronald D. Laing. Der Erzähler liest die Sonette des letzteren! (Prosa und Lyrik, was für ein Spannungsverhältnis) Dem Übersetzer Christian Hansen haben wir übrigens das schöne Wort „wüstensonnenuntergangsrot” (S. 155) zu verdanken. Im Spanischen ein ganzer Nebensatz aus fünf Worten: „un rojo de desierta crepuscular”, und wer würde dabei von uns nicht an die mexikanische Wüste denken („2666″). Sofia hat auch eine Freundin, Nuria, die genau wie Emilio Gymnasiallehrerin ist. Von ihr erfährt der Erzähler den weiteren Lebensverlauf Sofias.
Die Studentenwohngemeinschaft hat sich aufgelöst, der Erzähler bleibt einsam zurück und die Beziehung zu Sofia versickert nachdem man noch gemeinsam nach Portugal trampte und leidenschaftliche Nächte verbrachte. Sofia gleitet in eine Monate andauernde psychische Erkrankung ab. Sie verkraftet ihre Scheidung und ihre gescheiterten Beziehungen nicht. Verstört lebt sie mit einem neuen „Begleiter” zusammen, dem sie irgendwie hörig zu sein scheint, was den Erzähler schockiert. Sie habe sich von einer unabhängigen, politisch denkenden Studentin in eine abhängige, unemanzipierte Frau verwandelt. Er erkennt sie nicht wieder. Von Nuria, wie gesagt, erfährt der Erzähler später die „einfach[e] [und] unbegreiflich[e] Geschichte” (S. 164) des Mordversuchs Sofias an ihrem Exmann Emilio.
Unbegreiflich sind Bolanos Erzählungen und auch seine Frauenfiguren immer. Das Spiel mit realen und surrealen Versatzstücken macht die Frage nach der Plausibilität überflüssig, vergleichbar etwa mit der Frauenfigur in Stefan Zweigs Meisternovelle „Brief einer Unbekannten”, die aus heutiger Sicht auch eher unrealistisch und unwahrscheinlich erscheint. Schon der zumindest im Deutschen erste Satz: „Es traf sich…” (S. 155 spanisch: Coinzidimos…) beginnt wie im Märchen. Sofia hatte also zusammen mit ihrem neuen Begleiter versucht, Emilio umzubringen. Doch der Erzähler besucht die schizophren wirkende Sofia erneut, die in einer merkwürdig leeren, auch von Büchern befreiten, Wohnung lebt. Sie schlafen wieder miteinander, aber Sofia fühlt sich „eiskalt wie eine Tote” (S. 167) an. Ein Raum in der Wohnung ist verschlossen. Auf die Frage nach dem Verbleib ihres Begleiters antwortet Sofia mit einem vollkommenen Lächeln. Die beiden ziehen sich an und gehen in eine Pizzeria essen.
Bolano erzählt wie immer spielerisch, Realität und subjektive Erzählebene fließen ineinander über. Einen Text lesen heißt, in ihm zu träumen, aber auch gelegentlich aufzuwachen. Liegt der Begleiter tot in dem verschlossenen Raum, die scheinbare Schlußpointe der Erzählung? Warum sind die Frauen bei Bolano alle psychisch zumindest labil? Warum erfährt der Leser wenig über die Promiskuität oder Nichtpromiskuität des Erzählers?
Dietmar Hillebrandt (55), ehemaliger Bibliotheksobersekretär und EDV-Administrator, z. Zt. Versorgungsempfänger und drittklassiger Lyriker.
B ist weder berühmt, noch hat er Geld, und seine Gedichte erscheinen in belanglosen Zeitschriften.” Er schreibt ein Buch, einen Erzählungsband, in dem er “in verdeckter Form” Karikaturen verschiedener Schriftsteller unterbringt. Einer dieser Karikierten ist A, der im Gegensatz zu B “berühmt ist, Geld hat und gelesen wird.” Die Aura der Scheinheiligkeit, die A’s Texte durch dessen kometenhaften Aufstieg erhalten haben, ist der Grund für B, ihn in den Erzählungsband aufzunehmen, obwohl eher Neid der Hauptgrund gewesen sein mag. Denn was bleibt dem erfolglosen Schriftsteller anderes übrig, als seinen Dichterkollegen bewundernd auf die Schulter zu klopfen oder ihn aufs Korn zu nehmen? B’s Neid manifestiert sich in der weiteren Beschreibung A’s literarischen Schaffens. A päpstele, in Zeitungen, immer häufiger aber auch in seinen Büchern, über Gott und die Welt, “mit einer professoralen Penetranz und im Stil eines Menschen, der die Literatur benutzt hat, um sich in der Gesellschaft nach oben und zu Ansehen zu bringen.” - “Kurz, B findet, daß A sich in eine Betschwester verwandelt hat.”
Doch als A den Erzählungsband des ihm noch unbekannten B öffentlich lobt und diesem so zu einer gewissen Popularität verhilft, sieht sich B in einer schwierigen Situation. Sein Urteil Gegenüber A erfährt eine ungeahnte Milderung und die Spekulation beginnt. Hat A die versteckte Karikatur überlesen, schlichtweg nicht bemerkt? Oder treibt A ein bewusst falsches Spiel und führt Anderes im Schilde? B meint den Braten zu riechen, A habe sehr wohl bemerkt, dass er in dem Band portraitiert werde und lobe das Buch nun so über die Maßen, nur um es umso heftiger fallen lassen zu können. A verliert sogar einen Satz über den Erzählungsband in einem Zeitschrifteninterview, etwa zwei Monate nach der im positiven Sinne brandstiftenden Rezension: “Ein Spiegel, der durch nichts getrübt ist.” Nun ist beim zweiten Lesen auffällig, dass A und B auch für Arturo Belano stehen könnte, wir es also wieder mit zwei Seiten einer Existenz zu tun haben könnten. Die Spiegel-Metapher scheint das zu unterstützen.
B will der Sache auf den Grund gehen, endgültig für klare Verhältnisse sorgen, und versucht ein Treffen mit A zu arrangieren, das scheitert, da sie in verschiedenen Städten wohnen, zudem reise A sehr viel und es sei schwer ihn jemals anzutreffen. B versucht die Sache zu vergessen, schreibt ein neues Buch, das umgehend erneut von A rezensiert wird, wieder positiv. Die Rezension erscheint zeitnahe zur Veröffentlichung, A scheint ein großes Interesse an B zu haben. B erwägt einen Telefonanruf, verwirft den Gedanken jedoch vorerst wieder. B wird immer fahriger, ersinnt Möglichkeiten, aus dieser unerträglichen Drucksituation für ihn zu entkommen: z.B ein Buch von A Positiv besprechen oder ein kleines Buch über As Gesamtwerk verfassen; A anrufen und ihm die Karten auf den Tisch legen (”Aber welche Karten?”) oder ihn in seiner Wohnung in die Enge treiben und ihn dazu zwingen, zuzugeben, was er im Schilde führe.
Ein Mann, William Burns, vielleicht Privatdetektiv oder Personenschützer, fährt mit zwei Frauen und deren beiden Hunden in die Berge in den Urlaub. Die Frauen erzählen William Burns von dem “Mörder”, der Ihnen etwas antun wolle. Burns fährt also nicht in den Urlaub, sondern arbeitet als Beschützer der Frauen. Eine der Frauen ist anscheinend Schriftstellerin, die andere widmet sich der Gartenarbeit, Burns kocht.
Eines Tages verschwinden die beiden Hunde. Der “Mörder”, so wird vermutet, ist schuld am verschwinden. Am nächsten Tag fährt Burns in die Stadt, in der der “Mörder” wohnt um ihm einen “Besuch” abzustatten. Am Stadtrand findet er die beiden Hunde, nimmt sie zu sich ins Auto und fährt in den Laden von Bedloe, so der Name des “Mörders”, einen Laden für Touristen.
Im Laden passiert nichts. Burns schaut sich die Waren an, beobachtet Bedloe, einen Mann wie ein “Filmschauspieler”.
Als Burns den Laden verlässt, folgt ihm der Hund von Bedloe. Bedloe verfolgt sie, der Hund steigt zu den beiden anderen Hunden in den Wagen von Burns und Burns fährt zurück in die Berge zu den beiden Frauen.
In der Nacht sieht Burns Bedloe an einem Fenster des Hauses, der versucht ins Haus zu gelangen. Burns und die Frauen versuchen alle Fenster und Türen des Hauses zu verschließen. In einem Zimmer ist Burns zu spät. Der “Mörder” öffnet ein Fenster in einem Zimmer in dem Burns auf ihn wartet. Bedloe wird zu Boden gerissen und Burns tritt wie im Rausch minutenlang auf ihn ein. Als er wieder zu sich kommt schleppt er den leblosen Körper ins Zimmer zu den beiden Frauen, der Tod wird festgestellt, die Frauen ziehen den Leichnam aus, Burns verschwindet mit einer Flasche Whisky auf die Veranda. Er beobachtet die Hunde die im Dunkeln herumtollen, aber nur die Hunde der beiden Frauen. Am nächsten Tag wird der Leichnam in den Lieferwagen geschafft und in den Bergen entsorgt. Burns verlässt die Frauen, kehrt zurück in die Stadt und wird sechs Monate später erschossen.
Soweit der Inhalt. Diese Nacherzählung hat aber nur wenig mit der Erzählung von Bolano zu tun. Bei Bolano ist diese Geschichte ein Albtraum, eine Geistergeschichte in einem verschwunschenem Haus.
Schon der Beginn, wie öfter bei Bolano: der Erzähler bekommt eine Geschichte erzählt von einem Freund, ein Polizist aus Santa Teresa(!), der die Geschichte von William Burns erzählt bekommen hat. Kann man dieser Erzählung über drei Ecken überhaupt trauen?
Die beiden Frauen: eine Frau schon älter, im Alter von Burns, die andere fast noch ein Kind, doch nicht so weit auseinander, das man sie für Mutter und Tochter halten kann. Später erzählen sie Burns, Bedloe wäre eine Schülerliebe von beiden gewesen.
Das Haus in den Bergen: Es hat unendlich viele, unterschiedlich große Fenster, er wirkt wie dreigeschossig, ist aber zweigeschossig. Burns Zimmer im Haus hat zwei Fenster, aber zwei Fenster übereinander. Der Mord geschieht in einem Zimmer im Erdgeschoss, das Burns nie zuvor betreten hat, obwohl es direkt am Eingang des Hauses liegen muß, es wird von den Lampen am Eingang matt erhält.
Noch eine seltsame Szene: In der Nacht nachdem die Hunde verschwunden sind, in der Nacht vor der Fahrt in die Stadt, kommt eine der Frauen zu Burns ins Bett, am nächsten Morgen ist sie verschwunden und Burns weiß nicht welche von beiden es war. Burns erzählt von Ängsten die er diese Nacht ausgestanden hat.
Der Höhepunkt der Erzählung und sicher auch der Höhepunkt der Verwirrung in die der Leser geführt wird: der Abend vor dem Mord. Beim Abendessen entfernt sich Burns immer weiter in seinen eigenen Kopf. Die Gespräche am Tisch erreichen ihn immer weniger, nur noch Fragmente von den Erzählungen der Frauen. “…sie sprachen von Kindern, und die Art wie sie das taten, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.”
Das Ende: “Ich werde zurück in die Stadt gehen, sagte ich, und die Nachforschungen an dem Punkt wieder aufnehmen, wo ich den Faden verloren habe” So Burns zu den Frauen. Welche Nachforschungen? Welchen Faden? Welche Stadt? Sicher scheint nur sein Tod sechs Monate später. Wenn man einem Polizisten aus Santa Teresa Glauben schenken darf…..
Boris Schuster, 44, hat mal Theaterwissenschaften studiert, arbeitet aber seit Jahren in der Logistikabteilung eines Büromöbelherstellers.
Ein Stimmenstück: Zwei Kriminalbeamte unterwegs im Auto, nachts. Zwei Männer, die die Zeit totschlagen müssen. Ein ewig währendes Gespräch, das sich um alles und nichts dreht - aber was alles und was nichts ist, lässt sich nur schwer unterscheiden. Es beginnt mit einer dieser Fragen, die zunächst nur der Domäne der Konversation anzugehören scheinen: “Welche Waffen magst du?” Eine Frage, die vielleicht die Funktion hat, ein besseres Kennenlernen zu ermöglichen, ähnlich einem Abklopfen der jeweiligen Vorlieben: Lieblingsessen, Lieblingsfarbe, Lieblingsbuch… Lieblingswaffe? Warum nicht.
Im Verlauf des Gesprächs wird jedoch schnell klar, dass die beiden, die da durch die Nacht fahren und reden, sich schon sehr gut und sehr lange kennen. Unzählige Nächte sind dieser Nacht vorangegangen, und unzählige werden folgen. Daher haben die beiden Polizisten - man scheut ein wenig davor zurück, sie Freunde zu nennen, doch sind sie das wahrscheinlich, oder zumindest das, was ihrer eigenen Definition von Freundschaft am nächsten kommt - eine genaue Kenntnis voneinander, einen Fundus gemeinsamer Erfahrungen und Erinnerungen, auf die sie beide zurückgreifen können.
Für den Leser ist die Lektüre dagegen ein Puzzlespiel, erst nach und nach fügen sich die Informationen zu einem Bild: Die beiden waren Schulkameraden, haben gemeinsam den Dienst bei der Polizei angefangen und waren auf recht unrühmliche Weise in den Militärputsch des Jahres 1973 in Chile verwickelt: Für kurze Zeit waren sie selbst inhaftiert, dann haben sie sehr behände die Seiten gewechselt und waren auch an Misshandlungen und Vergewaltigungen beteiligt; ein Umstand, den sie beide in einer eigentümlichen Mischung aus Verharmlosung und Verklärung zur Sprache bringen.
Die erste Hälfte des Textes ist durch rasche Sprünge und Themenwechsel gekennzeichnet: von den Lieblingswaffen geht es über die Psychologie des chilenischen Mannes und Erinnerungen an legendäre Verbrecher und Verhaftungen schließlich zu einer Anekdote aus eben dem Jahr 1973, die einen dritten Mitschüler zum Gegenstand hat: Arturo Belano, das Alter Ego Bolaños, der nicht nur in verschiedenen anderen Erzählungen dieses Bandes eine Rolle spielt, sondern auch im Mittelpunkt der “Wilden Detektive” steht (im Originaltitel der vorliegenden Erzählung sind die “Kriminalbeamten” übrigens auch “Detectives”!)
Belano also gehört 1973 zu den Gefangenen, für die die beiden Gesprächspartner verantwortlich sind. Arancibia, der eine der beiden, erkennt ihn als erster und gibt sich seinerseits zu erkennen. Kurz darauf spricht Belano auch mit dem anderen Polizisten, Contreras, dem er eine seltsame Erfahrung anvertraut, die ihm zu schaffen macht: In einem Spiegel auf dem Flur des Polizeipräsidiums sieht er nicht sich selbst, sondern einen Fremden. Contreras glaubt ihm nicht und geht in einem unbeobachteten Moment mit ihm zu dem Spiegel. In diesem Moment passieren zwei Dinge: Belano fragt, ob es hinter diesem Spiegel einen geheimen Raum gibt, und Contreras erkennt weder Belano noch sich selbst; alles, was er sieht, sind “zwei ehemalige Mitschüler, der eine mit gelockerter Krawatte, ein etwa zwanzigjähriger Bulle, und der andere schmutzig, langhaarig, bärtig, Haut und Knochen.”
An dieser Stelle verschränken sich die Ebenen des Metaphorischen und des Konkreten auf eine Weise, die typisch für Bolaño ist: Ist es zunächst Belano, dessen Erlebnis vor dem Spiegel als ein Bild für die Lage des modernen Menschen zu verstehen zu sein scheint, ist er es nun, der dieses Bild in eine ganz reale Bedrohung überführt, in die Angst vor der geheimen Überwachung, die Paranoia derjenigen, die unter der Herrschaft eines Regimes willkürlicher Gewalt unterworfen sind.
Contreras reagiert auf den Blick in den Spiegel mit einer Gewaltphantasie: er stellt sich vor, Belano eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Was genau er auf diese Art zu töten beabsichtigt, wird nicht klar. Doch die Fantasie bleibt eine solche, er führt Belano zurück in seine Zelle. Denn die beiden Kriminalbeamten sind schließlich nicht solche, die “so was” machen. Ihre gegenseitige Bestätigung dieses Selbstbildes, mit der die Erzählung endet, bewirkt beim Leser freilich das genaue Gegenteil - er traut ihnen alles zu. Und dabei sind sie doch bloß zwei Stimmen in der Nacht.
Thorsten Krämer, geboren 1971, lebt in Köln. Veröffentlichungen: “Ich heiße Hal Hartley”, Film in Worten, 1998; “Fast schon ein Glück”, Erzählungen, 1998; “Neue Musik aus Japan”, Roman, 1999, “The Democratic Forest”, Gedichte, 2008. Im Dezember erscheint der Erzählungsband “Cabrio”, im nächsten Jahr der Roman “Donnerflug”. www.yeh.de
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