Für R.B.
Zwischen den Seiten
X, ein trojanischer Dichter,
nach tausenden von Jahren unbekannt,
schrieb über sein Leben, seine Welt,
die nun unsere ist, die Frauen, die Gewalt, das Böse,
die Literatur aller Zeiten vor und nach ihm.
Er wollte dem sinnlosen Nichts
einen Schleier von Hoffnung abgewinnen,
er schrieb von tapferen Verlierern und ihrer Schuld.
Den Klang seines Namens singt morgen nur noch der Wind.
Seine Bücher werden an keiner Wäscheleine mehr hängen
und er konnte uns nicht einmal sagen,
ob es sie je gegeben hat:
Die freien Menschen.
Heute werde ich zu einem Gedicht Bolanos, das nicht mehr existiert. Er wußte wann er wirklich frei sein würde. Im Jahre 2666 wird seine Dichtung wohl trojanisch sein, verschollen, nicht mehr als eine Träne, dem ”wässrigen Rest eines Auges hinter einem toten oder ungeborenen Augenlid, das am Ende alles vergessen hat” (S. 1090).
Aber sein Gedicht “Entre las Moscas” verstehe ich auch als Aufruf an alle Schreibenden, frei zu sein. Der Themenkomplex Tod und Dichter erinnert mich auch an eine Stelle bei Proust:
“Zweifellos würden auch meine Bücher wie ein Wesen aus Fleisch und Blut schließlich eines Tages vergehen. Doch man muss sich eben abfinden mit dem Tod. Man nimmt die Vorstellung hin, dass in zehn Jahren man selbst nicht mehr ist und in hundert Jahren die Bücher nicht mehr existieren. Ewige Dauer ist den Werken so wenig wie den Menschen verheißen.”
(Marcel Proust: “Die wiedergefundene Zeit”, S. 521)
ENTRE LAS MOSCAS
Poetas troyanos
ya nada de lo que podía ser vuestro
existeNi templos ni jardines
ni poesíaSois libres
admirables poetas troyanos(Roberto Bolano: “Los perros romanticos”, S. 70)
INMITTEN VON MÜCKEN
Dichter Trojas
Nun da nichts mehr was Eures sein konnte
existiertKeine Tempel keine Gärten
Keine PoesieSeid frei
Bewunderte Dichter Trojas(meine eigene, bemühte Übersetzung)
los.perros.romanticos.pdf
Denn die Dichter Trojas konnten nur so sein wie ihre Zeit: Mutig, kämpfend, politisch, poetisch und frei, mitten in einem Schwarm von stechenden, scheinbar feindlichen Mücken oder Fliegen um sie herum. Noch etwas zum Thema “Verletzlichkeit”: Das Echo der Welt berührt meine verletzliche Seele. Ich schreibe Worte, die ich finde, bevor ich erblinde. Dichter sind wie Blinde, die im Meer ihrer Gedanken taumeln. Sie haben die Tendenz, sich in einem Labyrinth für Leser zu verstecken. Ihre Verletzbarkeit ist groß, sie spielen lyrisch oder prosaisch darüber hinweg.
Ein Gruss an alle “romantischen Hunde” da draußen…
“Clara”: DAS ZITTERN DER STILLE
Der mittellose Erzähler verliebt sich als junger Mann in eine hübsche, 18jährige, spanische Studentin der Musik und Malerei, die in Barcelona Urlaub macht, „die Frau seines Lebens“ (S. 169). Nach ihrem Urlaub reist sie in ihre südspanische Heimatstadt zurück, und da ihr Interesse an ihren Studien nicht allzu groß ist, nimmt sie an einem Schönheitswettbewerb teil, in dem sie nur einen für sie enttäuschenden zweiten Platz erringt. Um ihr in ihrer Depression zu helfen, aber auch um seine eigenen Gefühle zu klären, reist er ihr nach. Einen Monat lang führen sie eine recht glückliche Beziehung, die er mit ihr in Barcelona fortsetzen möchte, sie aber lehnt ab, weil der Vorschlag, in Barcelona zusammen zu leben, sie unter Druck setzt. Die Beziehung geht mit zunächst emotionalen, später vernünftigeren Telefongesprächen zu Ende.
Clara hat psychische Probleme, träumt von Ratten und heiratet kurz nach der Trennung vom Erzähler einen gewalttätigen Mann, von dem sie sich nach ein- oder zweijähriger Ehe wieder scheiden lässt. Sie probiert sich in unterschiedlichen Berufsausbildungen, ohne Beziehung aber kommen die psychosomatischen Krankheiten zurück. Sie lernt einen gebildeten Angestellten kennen, wird seine Geliebte, erlernt einen bürgerlichen Beruf. Die Beziehung bleibt kinderlos. Sie begeht einen Seitensprung, Luis verlässt sie und ihre Depressionen muss sie psychiatrisch behandeln lassen. Während dieser Zeit schläft sie mit einigen Männern, auch wieder mit dem Erzähler, der sie als stark suizidgefährdet empfindet. Er verlässt sie jedoch und erfährt nur in Telefongesprächen etwas über Claras weiteren Lebensweg. Ihre psychische Erkrankung stabilisiert sich, sie verändert sich beruflich und heiratet in zweiter Ehe einen ihrer neugewonnenen Freunde. Mit inzwischen 35 bekommt sie ein Kind von Paco.
Der Erzähler hat ein letztes desillusionierendes Treffen mit ihr. Sie ist dick geworden, ihr Lächeln verhärtet. Sie trinken kurz einen Kaffee zusammen und sehen sich nie wieder. Bei den noch gelegentlich stattfindenden Telefongesprächen gesteht Clara dem Erzähler, dass sie Krebs hat. Vor einer Operation verschwindet sie spurlos und begeht Selbstmord. Die letzten Gespräche waren eisig, beim Erzähler beginnt ein unaufhaltsamer Prozess des Vergessens.
INTERPRETATION
Der Erzähler in „Clara“ fühlt sich schuldig gegenüber der früheren Geliebten. Am Anfang war es die große Liebe, am Ende ist man zu sprachlosen Fremden geworden, deren Kälte man spürt. Auch was einst sexuell reizvoll erschien, hat sich geändert. Clara hatte große Brüste, jetzt träumt der Erzähler von schlanken Frauen mit kleinen Brüsten. Auf zwölf Seiten gelingt es Bolano eine Atmosphäre der Vergeblichkeit und des Scheiterns zu erzeugen. Aus dem freien, künstlerisch begabten Mädchen wird eine normale, bürgerliche Frau mit Kind und Scheidung, die auch noch an Brustkrebs erkrankt. Die Distanz zwischen Autor und Ich-Erzähler ist hier noch bei weitem nicht so groß wie in „2666“ , wo sich das Alter Ego des Autors auf mehrere, wenn nicht auf alle Figuren verteilt. Hier ist Bolano hinter Belano, wie sich der Ich-Erzähler des Öfteren nennt, noch klar zu erkennen.
Autobiographisches findet sich nicht nur in dem Ort des Geschehens: Barcelona. Der Ich-Erzähler hat wie Clara und Bolano einen Sohn. Die wirkliche Clara aus der Biographie Bolanos ist literarisch gesehen uninteressant, ich bin für eine werkimmanente Interpretation, gerade weil Journalismus, bisweilen auch die Literaturkritik, gern mal in „schmutziger Wäsche“ badet.
“Zellengenossen”: ICH UND MEINE UNBEGREIFLICH WAHNSINNIGEN FRAUEN
Sofia heißt in diesem Fall die spanische, antifranquistische Studentin, die zur gleichen Zeit wie der Erzähler 1973 in Chile in Spanien im Gefängnis sitzt. (Bolaño spielt mit der eigenen Biographie) Jetzt ist sie seine promiskuitive Geliebte. Wir befinden uns im Umfeld eines spanischen Studentenmilieus, in der man Sekundärliteratur über Hegel liest, die die Frauen natürlich nicht verstehen. Sie sind dazu da, beschlafen zu werden, und möglichst nicht immer in der gleichen Stellung. Sofia schläft zur gleichen Zeit mit einem kommunistischen Kommilitonen. Sie war allerdings auch schon mit Emilio verheiratet, man studierte die gleiche Fachrichtung. Gelesen wird Valerie Solanas und Ronald D. Laing. Der Erzähler liest die Sonette des letzteren! (Prosa und Lyrik, was für ein Spannungsverhältnis) Dem Übersetzer Christian Hansen haben wir übrigens das schöne Wort „wüstensonnenuntergangsrot” (S. 155) zu verdanken. Im Spanischen ein ganzer Nebensatz aus fünf Worten: „un rojo de desierta crepuscular”, und wer würde dabei von uns nicht an die mexikanische Wüste denken („2666″). Sofia hat auch eine Freundin, Nuria, die genau wie Emilio Gymnasiallehrerin ist. Von ihr erfährt der Erzähler den weiteren Lebensverlauf Sofias.
Die Studentenwohngemeinschaft hat sich aufgelöst, der Erzähler bleibt einsam zurück und die Beziehung zu Sofia versickert nachdem man noch gemeinsam nach Portugal trampte und leidenschaftliche Nächte verbrachte. Sofia gleitet in eine Monate andauernde psychische Erkrankung ab. Sie verkraftet ihre Scheidung und ihre gescheiterten Beziehungen nicht. Verstört lebt sie mit einem neuen „Begleiter” zusammen, dem sie irgendwie hörig zu sein scheint, was den Erzähler schockiert. Sie habe sich von einer unabhängigen, politisch denkenden Studentin in eine abhängige, unemanzipierte Frau verwandelt. Er erkennt sie nicht wieder. Von Nuria, wie gesagt, erfährt der Erzähler später die „einfach[e] [und] unbegreiflich[e] Geschichte” (S. 164) des Mordversuchs Sofias an ihrem Exmann Emilio.
Unbegreiflich sind Bolanos Erzählungen und auch seine Frauenfiguren immer. Das Spiel mit realen und surrealen Versatzstücken macht die Frage nach der Plausibilität überflüssig, vergleichbar etwa mit der Frauenfigur in Stefan Zweigs Meisternovelle „Brief einer Unbekannten”, die aus heutiger Sicht auch eher unrealistisch und unwahrscheinlich erscheint. Schon der zumindest im Deutschen erste Satz: „Es traf sich…” (S. 155 spanisch: Coinzidimos…) beginnt wie im Märchen. Sofia hatte also zusammen mit ihrem neuen Begleiter versucht, Emilio umzubringen. Doch der Erzähler besucht die schizophren wirkende Sofia erneut, die in einer merkwürdig leeren, auch von Büchern befreiten, Wohnung lebt. Sie schlafen wieder miteinander, aber Sofia fühlt sich „eiskalt wie eine Tote” (S. 167) an. Ein Raum in der Wohnung ist verschlossen. Auf die Frage nach dem Verbleib ihres Begleiters antwortet Sofia mit einem vollkommenen Lächeln. Die beiden ziehen sich an und gehen in eine Pizzeria essen.
Bolano erzählt wie immer spielerisch, Realität und subjektive Erzählebene fließen ineinander über. Einen Text lesen heißt, in ihm zu träumen, aber auch gelegentlich aufzuwachen. Liegt der Begleiter tot in dem verschlossenen Raum, die scheinbare Schlußpointe der Erzählung? Warum sind die Frauen bei Bolano alle psychisch zumindest labil? Warum erfährt der Leser wenig über die Promiskuität oder Nichtpromiskuität des Erzählers?
Dietmar Hillebrandt (55), ehemaliger Bibliotheksobersekretär und EDV-Administrator, z. Zt. Versorgungsempfänger und drittklassiger Lyriker.
DER DICHTER, SEINE KONKURRENZ UND SEIN LEIDEN
Inhalt
Der chilenische Schriftsteller Arturo Belano lernt mit 22 Jahren in Barcelona den spanischen Schriftsteller Enrique Martin kennen. Er betrachtet ihn als zweitrangigen Dichter, der schlechte Lyrik schreibt und nur eine Ausgabe des literarischen „fanzine“ „Blanker Strick“ herauszugeben schafft und Belanos Stolz verletzt, weil er die Gedichte Belanos nicht veröffentlicht. Man verliert sich zunächst aus den Augen und bei einem erneuten Treffen vermeidet er, ihm seine wahre Meinung über seine Arbeit zu sagen. E.M. lädt den Erzähler und seine mexikanische Freundin, sowie seine eigene Lebensgefährtin ins Restaurant ein. Der Erzähler ist entsetzt über eine von beiden betriebene Zeitschrift, die sich mit Parapsychologie und Ufos beschäftigt und auch sprachlich lächerlich schlecht ist. Man hört lange Zeit nichts voneinander, bis der Erzähler merkwürdige Briefe erhält, die in einer kryptischen Zahlenreihe den Ort einer Buchpresentation beschreiben, zu der der Erzähler gar nicht erschienen ist. Später besucht die Titelfigur den Erzähler und übergibt ihm ein Paket, das er für ihn aufbewahren soll. Enriques Zustand zeigt Anzeichen einer Psychose. Der Erzähler erfährt zwei Jahre später, dass Enrique geschieden ist und mit seiner Exfrau befreundet noch eine Buchhandlung betreibt. Ein weiterer Brief zeugt von der sich verschlechternden Psychose bei E.M, von dessen Selbstmord, er hat sich erhängt, Belano eher beiläufig erfährt. Beim Öffnen des ihm hinterlassenen Pakets, finden sich darin 50 Seiten Gedichte. Der Erzähler schläft schlecht und glaubt fliehen zu müssen.
Interpretation
Schon der erste Satz** birgt Ironie, aber auch fast ein religiöses Postulat, von dem uns Bolano vielleicht letztlich überzeugen will. Bolano widmet diese Erzählung einem spanischen, befreundeten Schriftstellerkollegen, Enrique Vila-Matas, dessen letzten Roman er für gut hielt.* Vielleicht ist der Titel selbst auch wiederum eine Referenz an den peruanischen Schriftsteller Enrique Congrains Martin, der 2009 starb. Ein weiterer, nach Meinung des Erzählers guter spanischer Schriftsteller, wird ebenfalls gleich auf der ersten Seite erwähnt: Miguel Hernández. Aber das bringt mich zu einem Problem, das ich mit dieser Erzählung habe. Sie hinterlässt bei mir den Nachgeschmack des Stocherns im eigenen Milieu mit einer zum Teil überheblichen Grundhaltung, trotz der mitfühlenden Beschreibung des gescheiterten Lebens eines bestenfalls mittelmäßigen Lyrikers, der psychisch erkrankt Selbstmord begeht. Das bekannte Alter Ego Arturo Belano hat ein wie auch immer entstandenes schlechtes Gewissen. Einen aus seiner Sicht wenig begabten katalanischen Lyriker, der sich auch noch bei einer pseudowissenschaftlichen Zeitschrift sein Brot verdiente und ihn bei der Herausgabe der einzigen Nummer der Literaturzeitschrift „Blanker Strick“ überging, gilt sein Versuch einer posthumen Wiedergutmachung, denn der „Kollege“ begeht Selbstmord, wie man schon unschwer nach 2 Seiten am „prophetischen Titel“ (S. 41) der Zeitschrift ahnen kann. Der Erzähler fühlt sich von diesem Lyriker und gescheiterten Journalisten eher verfolgt, findet zu seinem Erstaunen aber keine kryptischen Zahlenspiele eines psychisch Erkrankten, sondern Gedichte in dem Stapel Papiere, den ihm Enrique Martin zur Verwahrung übergab, vielleicht auch in der Hoffnung auf eine zu spät kommende Anerkennung des Erzählers. Das Sujet des Literaturbetriebes ist aber bei weitem nicht so interessant wie hier vorausgesetzt wird. Die Selbstreflexivität von Literatur ist zwar auch in „2666“ ein Hauptthema, aber nicht ohne Grund von Schriftstellern und dem Literaturbetrieb chronisch überschätzt. Bolano hatte eine entschiedene Meinung über den Stellenwert eines Schriftstellers***. Das Idol unserer „Fangemeinde“ schreibt stilistisch gekonnte Prosa über vermeintlich schlechte Dichter, begibt sich aber bei aller Betroffenheit doch in die Position eines Richters. Ein Manko der Literatur außerhalb und innerhalb ihrer selbst. Der Schriftsteller selbst ist hier das Thema, der Himmel der Literatur aber ist nicht schwarzweiß. Eine Hierarchie bleibt letztlich eine des persönlichen Geschmacks. Aber ich weiß auch, dass dies nicht die Meinung der intellektuell beflissenen Literaturkritik ist. Wer kennt sie nicht, die schleimige Spur der Literaturkritik, die das Herzblut der Schriftsteller in die rationale Welt ihres Literaturverständnisses zu transponieren glaubt. Muss ich den amerikanischen Lyriker Frank O´Hara (S. 42) kennen um eine Anspielung in Klammern (der Kommentar in Klammern ist ein erzählerisches Element bei Bolano) überhaupt zu verstehen? Gedichte werden bei Bolano erwähnt, leider habe ich noch kein Gedicht von ihm gelesen. In seinen Erzählungen meidet er sie, das Entblößende der Lyrik hat ihm wohl zu viel Gefühl und stört beim narrativen, spielerisch ironischen Versteckspiel. Der Leser soll auf der Fährte bleiben, nicht vom Gefühl überwältigt werden. Man muss neidvoll anerkennen, dass Bolano dies auf höchstem Niveau gelingt und ich fange an, diese Erzählungen zu lieben, weil man sich so schön an ihnen reiben muss. Aber leider hält auch der Tod Enriques den Erzähler nicht von einem ironischen Urteil über seine Lyrik ab. Enrique schrieb nur „im Stil von Miguel Hernández“ etc. (eine weitere Anspielung auf Enrique Vila-Matas?). Die Wahrheit des literarischen Horizonts steckt in der Beschreibung des Augenblicks, als beide Schriftsteller merken, dass sie nicht in der Lage sind, ehrlich zueinander zu sein. Ein persönliches Problem, kein literarisches! Fiktion und Leben sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge. Auch die gekonnte Mischung hebt diesen Widerspruch nicht auf, ihn zu beschreiben gelingt Bolano immer. Eine meisterlich erzählte Étude, ein Klavierstück über „zweitklassige Revolverhelden“ (s. 40) wie mich.
ZITATE
„Folglich seien alle Lebewesen des Planeten Erde Exilanten“ (S. 52)
„Die Mexikanerin (die purer Sprengstoff war)“ (S. 44)
„Seine Beharrlichkeit (eine blinde unkritische Beharrlichkeit wie bei den zweitklassigen Revolverhelden, die unter den Kugeln des echten Helden sterben wie die Fliegen, aber in selbstmörderischer Manier ihr Ziel verfolgen) machte ihn letztlich sympathisch, umgab ihn mit einer Art literarischem Heiligenschein, den nur junge Dichter und alte Huren zu schätzen wissen.“
* Roberto Bolano: „Exil im Niemandsland“. Stern in der Ferne S. 138 ff.
** „Ein Dichter kann alles ertragen“ (S. 39)
*** Stern in der Ferne. Interview
Das Leben und die Welt ist ein “spinning wheel”. und ich will mit Worten einen Faden wiederaufnehmen, dessen Anfang und Ende ich nicht kenne. Pars pro toto, mein Blick richtet sich immer nur auf einen Teil. Ich fokussiere “Barry Seaman” (S. 300ff). Ein “Schwarzer”, ehemaliges Mitglied der “Black Panther” und jetzt, was könnte er anderes sein, ein Schriftsteller. Wie kann man von ihm erzählen? Ich könnte mich mit ihm identifizieren, aber eine so erzählte Lebensgeschichte wäre langweilig. Ich stelle ihn in eine Kirche, quasi “Speaker´s Corner” und lasse ihn von sich selbst vor 5 Kerlen über 5 Themen reden, über Dinge, die die Welt zusammenhalten, autobiographisch und philosophisch aufgelistet wie in einer Enzyklopädie.
Ich beginne jeden Abschnitt erzählerisch in der Er-Form und wechsele fast unbemerkt zur Ich-Form. Ich mag Muster und Zahlen und lasse ihn von 5-”geschossigen Gebäuden” (S. 305) und 5 “Kommilitonen” (S. 309) erzählen. Ich bin ein Magier der Worte und spiele gern mit der Erinnerung des Lesers: Der Black-Panther-Typ kann kochen und hat eine Schwester, waren die Rezepte nicht von Juana Inés? Ich lebe im Meer meiner Gedanken, ob das gefährlich ist? Aber ich heiße ja nicht umsonst “Seaman”.
Wie immer herzliche Grüsse an alle Diskutierenden auf “dass sie Liebe, nicht Krieg machen wollten.” (S. 44)
Dietmar Hillebrandt, Bücherblog
Nachdem ich Bolanos cucaracha, rosa amarillo y un pedazo de papel war (ich kann kein Spanisch), will ich heute nun ganz imaginär ein Traumbild sein, in dem eine Handvoll Staub in einem noch nicht geschriebenen Buch wie die Sterne am Himmel dahingeworfen wird, weil am Anfang nicht das Wort war und als Mahnung an alle, über die ein Franzose zu Beginn des letzten Jahrhunderts schrieb, “es ging mir wie denen, die sich auf eine Reise begeben, um mit eigenen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.”
Roberto Bolano ist ein genialer, überheblicher und machohaft zärtlicher Spieler. Er spielt mit uns Lesern auf einer Wortschnitzeljagd Versteck. Erst am Schluß werden wir wohl begreifen, dass das Leben nicht anders ist: chaotisch, grausam und schön. Die Wörter eines Menschen sind wie die Sandkörner am Strand. Was weiß ein Sandkorn von der Weite des Meeres oder dem Wind in den Segeln der Schiffe? Doch mit jeder Welle, die über es hinweg rollt, verwandelt das Wasser jenes Sandkorn zu einem Teil des Meeres, zu einem Teil der Geschichte. Allein eine “inmakulare” Nomenklatur des Namedroppings (I(n)mmaculada, unbefleckt oder befleckt)(vgl. auch die erwähnten Namen auf S. 208,232, 240,242,258), einschließlich ihrer möglichen Assoziationen ist wie der Griff eines spielenden Kindes nach den Sternen.
Herzliche Grüße an alle Archimboldi-Apostel
PS. Wer erstellt ein Register der Namen in “2666″?
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