LESEN UND LESEN LASSEN
“Telefongespräche” lautet der Titel der kürzesten Erzählung der gleichnamigen Unterabteilung des gleichnamigen Erzählungsbandes. Sie ist eine von zwei Erzählungen dieser (im Original 1997 erschienenen) Sammlung, bei denen der Autor den Protagonisten als Namen lediglich Anfangsbuchstaben zugesteht. Man könnte auf den ersten Blick meinen, es handele sich hier nur um die Skizze zu einer Erzählung oder um eine Art rudimentäres Drehbuch. Ein zweiter Blick erkennt Details, die über Skizzen hinausgehen, die dem Erzählungsgerippe zwar kein narratives Fleisch auf die Knochen helfen, aber ihm so etwas wie Geheimnis oder Seele einhauchen: Wie oft bei Bolaño übernehmen (Alp)Träume diese Funktion – hier zwei Träume des männlichen Protagonisten. Und ein dritter Blick schließlich wird der Erzählerstimme gewahr, die sich nicht nur schrankenlos auktorial gebärdet, sondern wie das Objektiv einer Filmkamera völlige Kontrolle über Bildausschnitt und Tiefenschärfe besitzt. Ein interaktives Kameraobjektiv, das sendet und empfängt: Das menschliche Episoden oder ganze Lebensläufe in narrative Roadmovies verwandelt, und zwar durch uns hindurch. Wir sind der Resonanzkörper, die Leinwand; der Film läuft in uns ab. Bolaños Erzählungen (und Romane) sind nur so gut, wie wir uns lesen und lesen lassen.
Christian Hansen, geboren 1962 in Köln, gelernter und wieder verlernter Literaturwissenschaftler, lebt seit 1984 mit kurzen Unterbrechungen in Berlin, übersetzt seit 1996 aus dem Französischen und vor allem Spanischen, hat Bücher von Lascano Tegui, Amin Maalouf, González Suárez, Sergio Pitol, Guillermo Rosales, Antonio Orejudo und Roberto Bolaño übersetzt und war an Übersetzungen von Juan Goytisolo, Gabriel García Márquez, Rafael Chirbes und José Pablo Feinmann beteiligt. Stipendiat der Berliner Übersetzerwerkstatt, des Deutschen Übersetzerfonds und des Deutschen Literaturfonds.
Das Kölner Literaturhaus und die Literarische Gesellschaft Köln lockten am Dienstag eine große Horde “wilder” Leser ins “Finstere Herz der modernen Welt”. Moderiert von Norbert Wehr, führte Christian Hansen in Roberto Bolaños posthum erschienenen Großroman 2666 ein, den er in intensiver Arbeit innerhalb von drei Jahren ins Deutsche übersetzte, so dass er in diesem September durch den Hanser Verlag aus München auf den deutschen Markt gebracht werden konnte.
Dabei betonten sowohl Moderator als auch Übersetzer gleich zu Beginn, dass man bei einem Roman wie 2666 in diesem Rahmen allenfalls grobe Schneisen werde schlagen können. Diese Schneisen setzte Hansen wohl überlegt an und mischte Ausschnitte des Romans mit Episoden aus seinem “Übersetzernähkästchen”, dass er bereits für zwei666.de einige Male geöffnet hat, und Anekdoten aus Bolaños Privatleben und dem literarischen Entstehungsprozess einiger Werke.
Die Einteilung in einzelne Romane oder Veröffentlichungen sieht er bei Bolaño als marginal, so entfalte sich das Werk des gebürtigen Chilenen ja “über die Buchdeckel hinweg”. Eine Figur, die in einem der kürzeren Werke vielleicht als Randfigur einen einmaligen Auftritt hat, könne im nächsten Werk schon als Protagonist herhalten. So ziehen sich Figuren, Themen, Kulissen und Motive durch alle Romane und Erzählungen. Die Sprache spiele dabei nur eine untergeordnete Rolle, sagt Hansen, obwohl er die Qualität der Sätze damit nicht schmälern will, viel mehr diene die Sprache einem bestimmten Zweck, werde instrumentalisiert und “transparent” gemacht. Hansen beschreibt Bolaño als einen Protraitzeichner anstelle eines Landschaftsmalers, der es mit wenigen strichen vermag, einen Charakter in seinem exakten Wesen zu skizzieren. Dabei solle man ruhig einige Passagen etwas schneller lesen, versuchen das Gesamtbild zu sehen, das gezeichnet werde - Hansen nennt es eine Form des Daumenkinos, die bei Bolaño zu tragen komme. Dies diene zu weiterer Transparenz und einer Leseerfahrung, die man als “Verstehen des Herzens” bezeichnen könne.
Sich drei Jahre mit einem einzigen Werk zu befassen, kann einen Übersetzer in den Wahnsinn treiben. Dass das bei Christian Hansen nicht der Fall war, lege vor allem an der Beziehung, die er zu seinem Gegenüber aufgebaut hat und die für ihn das wichtigste Element bei der Auswahl seiner Aufträge ist. “Ich muss mich mit dem Autor streiten können, den ich übersetze, und mit Bolaño ging das wunderbar.” Damit bezieht er sich allerdings auf das imaginäre Gespräch, das er direkt am Schreibtisch sucht. Das persönliche Gespräch konnte Hansen bei der Arbeit an 2666 ja leider nicht mehr suchen.
Christian Hansen ist in den vergangenen zehn Jahren so tief in das Werk und Leben Roberto Bolaños eingetaucht, dass eine neurologische Verknüfung stattgefunden haben muss. Die Leidenschaft und Intensität, mit der er für diese Literatur einsteht, ließen die Zuschauer in vielen Situationen vergessen, dass man keine Autorenlesung, sondern einen Abend mit dem Übersetzer des Werkes besucht. Der Ausblick auf weitere Werke, die ebenfalls posthum erscheinen werden, lässt Einiges hoffen für die nächsten Jahre. Christian Hansen auf der Übersetzerseite setzt der Leser dafür jetzt einfach mal voraus.
Marvin Kleinemeier
Auf vielfachen Wunsch noch einmal als eigenständiger Beitrag:
Über Ihr Vergnügen am Text, liebe Yvonne Berardi, habe ich mich sehr gefreut, nur bei dem Lob, der Text lese sich, als würde ein Lateinamerikaner ihn sprechen, bin ich leicht zusammengezuckt. Mit dem gleichen Zwirn vernäht man nämlich auch die kehrseitige Kritik, die da lautet: Eine Übersetzung klinge doch sehr englisch, französisch, spanisch etc. Womit man sagen will, das Übersetzen ans deutsche Ufer habe auf halber Strecke Schiffbruch erlitten, da wate einer noch hüfttief durch fremdes Sprachgewässer. Erneut Gelegenheit, bis zum Ellbogen im Nähkästchen zu grabbeln (hallo, liebe/r mediokra!) und dabei Gefahr zu laufen, mit der einen oder anderen ungesicherten Stopf- oder Nähnadel handgemein zu werden. Ich fange mal beim Allgemeinsten an, umschrieben mit dem so bekannten wie fiesen italienischen Wortspiel traduttore-tradittore (Übersetzer-Verräter), das ja einen wahren Kern besitzt; Übersetzer sind zwielichtige Gesellen, Diener zweier Herren, Doppelagenten, von denen niemand weiß, wo ihre Loyalitäten tatsächlich liegen. Wollen sie dem Original eine sprachliche Rosskur verpassen, die ihm bis in die landeskundlichen Ritzen das Fremdländische austreibt, um es, mit den eigenen literatursprachlichen Wassern gewaschen, unerkannt als Deutschländer unter Deutschen wandeln zu lassen? Eine solche Übersetzung erfüllt meist die Redensart “Operation gelungen, Patient tot”. Oder sind sie dem Original blind ergeben, lassen es so unangetastet wie möglich, tauschen nur behutsam, oft etymologisch anbiedernd, den Wortbestand aus und unterwandern ihre eigene Sprache mit fremder Redensartigkeit? Abgesehen davon, dass dies oft nur ein Deckmäntelchen für Billig(lohn)übersetzung darstellt, macht das am Ende des Tages nur Sinn(!), wenn Sprache und Kulturkreis des Originals schon soweit vertraut sind, dass der Buch-User wegen dem, was er da liest, den Übersetzer nicht für total strange hält. Jetzt könnte man diplomatisch empfehlen, einfach den Mittelweg einzuschlagen. Blöderweise gibt es den nur theoretisch, praktisch ist man meist mal hüben, mal drüben. Und auch die theoretische Mitte verschiebt sich je nach kulturpolitischer Großwetterlage.
Konkret zu 2666. Híjole. Das ist im deutschen Text natürlich viel fremdkörperlicher als im spanischen. Allerdings ist die Situation auch vertrackt: Bolaño versucht, vor allem in den Teilen 2-4, ein innerspanisches und sogar innermexikanisches Sprachrelief zu erzeugen, indem er u.a. chilenisches, DF-mexikanisches, nordmexikanisches und katalanisch infiziertes Spanisch voneinander abgrenzt bzw. entsprechende Markierungen einstreut. Bei Híjole zirpen auch den meisten deutschen Lesern ganze Mariachi-Kapellen im Kopf, andere Formulierungen, die den mexikanischen Hauptstädter sprachlich entlarven, würden untergehen, wenn man sie nicht in deutschen Soziolekt überführte; Einige Nordmexikanismen durften stehenbleiben – da schaut der Mexikaner aus DF genauso in die Röhre wie der deutsche Leser. Viel schwieriger die Niederungen des Sprachtransfers: landeskundliche Realia (Straße, Platz, Herr, Frau, Fräulein etc.) oder Eigennamen… Der mexikanische Gewährsmann für den Hinweis auf Archimboldis Anwesenheit in Mexiko trägt den knuddeligen Spitznamen “El Cerdo”, wörtlich “Das Schwein”. Sicher steht El Cerdo auch in Mexiko nicht ganz oben auf der Kosenamenliste, aber so unvorteilhaft wie unser “Schwein” steht es dem Träger dann doch nicht. Vor allem aber macht der vorangestellte Artikel (oder alternativ Don oder Doña) Probleme – zum Verzweifeln! Das “El” oder “La” setzt noch dem unangenehmsten Epitheton gewissermaßen einen Helmbusch auf. El Bigote, auch so ein Fall; den könnte man flugs als “Schnäuzelchen” auf die deutschen Leser loslassen – und hätte den Burschen damit auratisch kastriert. Also lässt man Spitznamen meist stehen; aber was, wenn der Leser deren konkrete Bedeutung kennen muss, um gewisse Anspielungen zu verstehen? Irgendwann im vierten Teil sagt zB ein Opfer mit letzter Kraft, der Täter habe ein Gesicht gehabt wie ein Schwein…
Christian Hansen, Übersetzer von 2666
Ursprünglich als Kommentar zu diesem Beitrag veröffentlicht: Aus dem Übersetzernähkästchen: Syntax, nicht Worte (S.30-36)
Ursprünglich als Kommentar zu diesem Beitrag gepostet:
Hallo Marvin, eine schöne, verschwenderische Abschweifung!
Was den angesprochenen Satz mit Überlänge betrifft – meines Wissens ist er tatsächlich Bolaños längster –, so war das natürlich eine besondere Herausforderung, denn für den zeit- und raumübergreifenden Erzählfluss musste eine Syntax gefunden werden, die möglichst weiche Übergänge ermöglicht, damit der Leser diese unmögliche Reise übersteht. Syntax ist ja, vereinfacht gesprochen, die Ordnung, in die “Inhalte” gebracht werden müssen, damit sie von den Spracherkennungsprogrammen, die man uns in unserer Kindheit (auf kleinerer Flamme ein Leben lang) mühsam auf unsere biodynamischen Festplatten paukt, möglichst fehlerfrei und energiesparend entziffert und in den Arbeitsspeicher (hieß früher Bewusstsein) geladen werden können.
Anders als manche meinen, besteht die Welt, wie wir sie wahrnehmen und verstehen, nicht vorrangig aus Worten (Shakespeare, Hamlet, II, 2), sondern vor allem aus einer bestimmten Syntax. Und die ist von Sprache zu Sprache verschieden. Syntax, nicht Worte, sind das Hauptarbeitsfeld des Übersetzers. Warum ich so weit aushole: Man könnte in dem Satz eine poetologische Parabel sehen. Er führt vor, wie Sprache Bilder der Wirklichkeit erschafft, die durch syntaktische Mittel laufen lernen – eine Kamerafahrt der phantastischen Art: Sie nimmt ihren Ausgang im Jahr 1995 in Amsterdam, springt von dort in die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, fröstelt sich durch ein winterliches ostfriesisches Städtchen, um sich noch weiter, bis ins Jahr 1927 oder 1928, vorzuarbeiten, ein Kreuzfahrtschiff zu besteigen, den Atlantik zu überqueren und in einer apokalyptisch anmutenden Szenerie Argentinien zu erreichen (Viehstall und Schlachthaus der Welt), in Buenos Aires (als dem zugehörigen Verladehafen) anzulanden, von dort ein Landgut außerhalb der Stadt anzusteuern, ein Reitduell auszutragen, in die Stadt mit seinen mondänen Festen zurückzukehren, den Atlantik in umgekehrter Richtung zu überqueren, um schließlich wieder beim “Fischer und siner Fru” am Kneipentisch zu sitzen.
Und der Leser macht alles mit, ohne Jetlag und in erzählerisch durchmessenen 80 Jahren um nur ca. 15 Minuten gealtert. (Julio Cortázar hat in einer seiner besten Erzählungen die phantastische Vorlage dazu geliefert: Der andere Himmel: Dort betreten Sätze eine Passage im Buenos Aires der vierziger Jahre und kommen in einer Passage im Paris des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts wieder heraus.) Ein paar konkrete Beispiele für die sprachlichen Scharniere, die diese raumzeitliche Beweglichkeit ermöglichen und die im Spanischen andere sind als im Deutschen, nämlich häufig Partizipien und Gerundien, die dort sehr elegant ganze Nebensätze überflüssig machen, während sie im Deutschen oft rostig quietschen. An die Stelle solcher Verbalkonstruktionen treten bei uns mal Substantive (descontando los gastos de transporte - wörtlich: die Reisekosten davon abziehend; viel lässiger: nach Abzug sämtlicher Reisekosten), mal die heimlichen Superstars unserer Sprache, die Modalpartikel (diríase que se pegaba al cuello de su caballo - wörtlich: man würde sagen, er klebte am Hals seines Pferdes; viel eleganter: er klebte förmlich am Hals seines Pferdes)…
Wahrscheinlich will das aber so genau kein Leser wissen, daher mache ich mein Nähkästchen erst einmal wieder zu.
Als mir Heinrich von Berenberg die Übersetzung des Romans Estrella distante (Stern in der Ferne) von Roberto Bolaño antrug, wusste ich so gut wie nichts über den Autor. Berenberg hatte als Lektor beim Kunstmann Verlag Bolaño für den deutschen Buchmarkt “entdeckt” und gerade erst selbst Die Naziliteratur in Amerika übersetzt – meiner Ansicht nach bis heute der beste Landeplatz auf dem Planeten Bolaño, ein Buch, das noch stark den Einfluss von Borges oder, richtiger, von Bustos Domecq, der Verschmelzung von Borges und Bioy Casares, und seinen genialen “Chroniken” zeigt. Bolaño galt schon damals, vor 10 Jahren, als Geheimtip, und ohne Estrella distante vorher ganz gelesen zu haben, nahm ich den Auftrag an und ging ich mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung an die Arbeit.
Bereits nach wenigen Seiten stellte sich eine gewisse Ernüchterung ein. Mein Eindruck, polemisch überspitzt: Hier wurde Sprache mit einer Nachlässigkeit zu Text verarbeitet, die fast stümperhaft wirkte, hier schien ein Autor am Werk, der unempfindlich war gegen Wortwiederholungen, der mit stereotypen Floskeln um sich schrieb, als käme es nicht in erster Linie auf sprachlichen Ausdruck an. Kurz: Ich vermisste eine Sprache, die ihre Literarizität offen zur Schau trug, eine zum Spiegel gedanklicher Komplexität aufpolierte Sprache, und wurde mit funktionaler Bauhaus-Prosa abgespeist. Entschädigte mich der “Inhalt” für die schlichte Darreichungsform? Nein, im Gegenteil; das ganze altbackene poète-maudit-Getue, die aufgesetzt wirkende Verschränkung von Künstler und Killer…Bolaño schien mir völlig überschätzt. Aber da ich die nächsten Monate mit ihm auskommen musste, war es unumgänglich, sich zusammenzuraufen; und irgendwann, erst im Zuge der Überarbeitung des Manuskripts, kam ich auf den Trichter. Drei Dinge spielten dabei eine Rolle.
1. Handwerk: Beim Übersetzen stellt man den Text des Originals quasi auf Zeitlupe um, damit einem auch ja nichts entgeht (Bedeutungen, Bezüge etc.), und es gibt Texte, die in dieser Verlangsamung förmlich aufblühen. Nicht so die Texte von Roberto Bolaño. In seiner Prosa skizziert er mehr, als dass er malt; Bolaño benutzt Sprache nicht, um erschöpfend zu beschreiben, sondern um Eckpunkte zu setzen, für sich genommen unerheblich wirkende Linien, Striche, Schattierungen, in deren Konfiguration erst sichtbar wird, worum es ihm geht – das Beklemmende einer Situation, tragische Momente des charakterlich Fiesen, Ängste jenseits der Artikulierbarkeit, fadenscheiniges Glück. Eine solche Konfiguration aber zerfällt wieder in “Punkt Punkt Komma Strich”, sobald man beim Lesen eine gewisse Mindestgeschwindigkeit unterschreitet. Pointiert formuliert: Erst als ich meine eigene Übersetzung laut und zügig las, fing ich an zu verstehen, was ich da übersetzt hatte.
2. It don’t mean a thing: Eine Eselsbrücke war mir das oft unbeholfen anmutende Trompetenspiel von Kenny Dorham, seine seltsamen Soli, technisch scheinbar Lichtjahre hinter einem Clifford Brown zurück, aber in manchen Momenten von einer anrührenden, überirdischen Schönheit, die offensichtlich nicht in den Noten liegt, die er spielt, durch die er manchmal geradezu taumelt, sondern gewissermaßen im Taumeln selbst, in einem permanenten Ausdemgleichgewichtsein, das nur durch seinen insistierenden Vorwärtsdrang den “Sturz” vermeidet.
3. Abschweifung: Die über den Roman Rayuela von Julio Cortázar verstreuten poetologischen Skizzen eines gewissen Morelli. Wer das Buch zufällig im Schrank stehen hat, sollte einmal Kapitel 94 aufschlagen – und kann sich die Augen reiben (so jedenfalls ging es mir). Kleiner Vorgeschmack: “Eine Prosa kann faulen wie ein Lendensteak [...] Meine Prosa verwest syntaktisch und schreitet – mühsam! – zur Einfachheit fort [...] Wenn die Komposition an ihre äußerste Grenze gelangt ist, öffnet sich das Territorium des Elementaren.”
Christian Hansen, Übersetzer von 2666
Vor einer Woche behauptete ich noch etwas kühn, der gemeinsame Nenner der 5 Romanteile ließe sich mit einem Borges-Titel als “Universalgeschichte der Niedertracht” umschreiben, und am 9.9. prangt ebendieser Titel über einem Artikel zu 2666 in der schweizer Weltwoche und wird von Autor Markus Gasser mit Inhalt gefüllt. Wer an Anekdoten und biographischen Details aus dem Leben des Autors interessiert ist, wird hier ausreichend mit “Bückware” versorgt – mit Informationen, die nicht in jedem Bolaño-Artikel stehen; in jedem Fall für weitere Mythenbildung gut geeignet: http://tinyurl.com/msn437
Lustigerweise deckt sich auch mein persönliches Ranking innerhalb des Werks von Bolaño exakt mit dem von Markus Gasser: “Borges aber hatte dekretiert, was für ein mühseliger Unsinn es sei, auf aberhundert Seiten einen Plot und Gedanken auszuwalzen, dessen mündliche Darlegung wenige Minuten beanspruche. In seinen besten Werken, dem Erzählband «Telefongespräche» und dem Totenbettpalaver «Chilenisches Nachstück», hielt sich Bolaño an das Dekret — für «Die wilden Detektive» indes umging er es mit glühender Achtlosigkeit: Von der Totalitätsmanie eines Thomas Pynchon befallen, improvisierte er einen Roman ohne Plot und zentralen Gedanken zusammen, der sich nach 600 Seiten Gesprächen über Literatur, Zeitschriftengründungen, verstohlenem Pathos, alltäglichen Flüchtigkeiten und einem Geschlechtsakt auf jeder vierten Seite in nichts verlor. Die an solcherlei Ziellosigkeiten wie an Schlafmittel gewöhnte Kritik war begeistert und krönte dieses Monument der Unlesbarkeit mit dem bedeutendsten Literaturpreis Lateinamerikas.”
2666 scheint noch eklatanter gegen Borges’ Verdikt zu verstoßen, ist tatsächlich aber eine Überwindung dieses Gegensatzes, nämlich die meisterhafte Verschmelzung von Kleinteiligkeit und überbordender Fülle, von literarischer Kurzform und epischer Breite. Ein schönes Beispiel dafür ist der längste Satz des Romans, S. 30-36. …Wird fortgesetzt.
Christian Hansen, Übersetzer von 2666
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