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	<title>ZEILENSCHINDER.net</title>
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	<description>Ein flüssiger Stern aus kochendem Wasser</description>
	<pubDate>Fri, 03 Sep 2010 10:21:29 +0000</pubDate>
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		<title>Randbemerkungen zum zweiten Lesemarathon</title>
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		<pubDate>Fri, 03 Sep 2010 10:16:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Journal]]></category>

		<category><![CDATA[Bücher]]></category>

		<category><![CDATA[Lesen]]></category>

		<category><![CDATA[Marathon]]></category>

		<category><![CDATA[Notizen]]></category>

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Hier Werde ich am Samstag meine Erfahrungen zum 2. Lesemarathon notieren. Mehr Infos zur Aktion:
Am übernächsten Wochenende sollte eigentlich der 2. Read-a-thon  stattfinden (24h lesen am Stück!) von Samstag dem 04.September 2010 08:00h bis Sonntag den 05.September 2010 um 08:00h . Es hatten sich eine Menge Leute dafür angemeldet (leider ist die Teilnehmerliste auf [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: justify;"><img src="http://blog.lovelybooks.de/wp-content/uploads/2010/08/read-a-thon_banner_600.jpg" alt="http://blog.lovelybooks.de/wp-content/uploads/2010/08/read-a-thon_banner_600.jpg" width="470" height="58" /></p>
<p style="text-align: center;">_</p>
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">Hier Werde ich am Samstag meine Erfahrungen zum 2. Lesemarathon notieren. Mehr Infos zur Aktion:</p>
<p style="text-align: justify;">Am übernächsten Wochenende sollte eigentlich der <a title="Der 24h Readathon" href="http://mellis24hreadathon.buecherwurm0815.de/" target="_blank" title="Der 24h Readathon"><strong>2. Read-a-thon</strong> </a> stattfinden (24h lesen am Stück!) von <strong>Samstag dem 04.September 2010 08:00h bis Sonntag den 05.September 2010 um 08:00h</strong> . Es hatten sich eine Menge Leute dafür angemeldet (leider ist die Teilnehmerliste auf der Seite nicht mehr sichtbar). Da von <a title="Melli - Organisatorin des Readathon und ihre Website dazu" href="http://mellis24hreadathon.buecherwurm0815.de/" target="_blank" title="Melli - Organisatorin des Readathon und ihre Website dazu">Melli</a> aber leider schon längere Zeit nichts zu hören ist, ist es wohl Zeit   einen Alternativ-Plan zu schmieden. Bei LovelyBooks gibt es ja aber auch   schon länger eine <a title="Der Lesemarathon bei LovelyBooks" href="http://www.lovelybooks.de/gruppe/232817082/lesemarathon___24_stunden_lesen/" target="_blank" title="Der Lesemarathon bei LovelyBooks">Gruppe zu diesem Thema</a> und deshalb kommt hier der Plan:</p>
<p style="text-align: justify;">Wir machen den <strong>Read-a-thon</strong> einfach trotzdem! Die  Blogger berichten auf ihren Blogs währenddessen  darüber und wer kein  Bücherblog hat, kann sich in der Gruppe bei  LovelyBooks austauschen (wo  es im Übrigen bereits am 29.08., also ein  Wochenende vorher einen  Lesemarathon gibt, wo man auch gerne noch  einsteigen kann). Ich hoffe ,  dass viele mitmachen werden, auch wenn es  keine Preise und auch keine  Aufgaben geben wird. Hier gibt es 5  Fragen, die jeder im Laufe der 24h  für sich beantworten kann und  ansonsten geht es einfach nur um den  großen Spaß an der Sache! Ganz  zwanglos kann auch jeder teilnehmen, der  am selben Wochenende was vor  hat, denn um realistisch zu bleiben: Wer  schafft schon die ganzen 24h?</p>
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		<title>Fear and Loathing in Normal, Illinois (Updated)</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Apr 2010 22:52:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Amerika-Blog]]></category>

		<category><![CDATA[Journal]]></category>

		<category><![CDATA[Illinois]]></category>

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		<description><![CDATA[Hier bin ich also. Die Füße im Gras, tagträumend. "Bereit zur Abfahrt". Ich sehe Rons rotes Cardinals T-Shirt im Augenwinkel, Becky und Sven folgen, das Rot wir deutlicher. Mein XL-T-Shirt reicht mir bis zu den Knien, ein Geschenk der Uni, ich sehe aus, wie die afro-amerikanischen Mädchen mit ihren riesigen Pullovern in den 80ern, unter dem roten "Zelt" sieht meine Jeans wie eine Leggins aus.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Gonzo-Journalismus</strong> (<em>gonzo</em> steht im amerikanischen Englisch für außergewöhnlich, exzentrisch, verrückt) wurde von <a title="Hunter S. Thompson" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hunter_S._Thompson">Hunter S. Thompson</a> Anfang der <a title="1970er" href="http://de.wikipedia.org/wiki/1970er">1970er</a> Jahre begründet. Charakterisiert wird diese Form des <em>Journalismus</em> durch das Wegfallen einer objektiven Schreibweise. Es wird aus der subjektiven Sicht des Autors berichtet, der sich selbst in Beziehung zu den Ereignissen setzt. So vermischen sich reale, autobiographische und oft auch fiktive Erlebnisse. <a title="Sarkasmus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sarkasmus">Sarkasmus</a> , Schimpfwörter, Polemik und Zitate werden als Stilelemente verwendet. Viele Texte entstanden unter Drogeneinfluss. Nach journalistischen Kriterien handelt es sich beim „Gonzo-Journalismus“ gar nicht um <a title="Journalismus" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Journalismus">Journalismus</a> , sondern um Literatur. Die Arbeitsweise entspricht nicht den Anforderungen an Journalisten, die zum Beispiel der deutsche <a title="Pressekodex" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pressekodex">Pressekodex</a> vorgibt.</p>
<p style="text-align: right;">- Wikipedia</p>
<p style="text-align: justify;">
<p style="text-align: justify;">Hier bin ich also. Die Füße im Gras, tagträumend. &#8220;Bereit zur Abfahrt&#8221;. Ich sehe Rons rotes Cardinals T-Shirt im Augenwinkel, Becky und Sven folgen, das Rot wir deutlicher. Mein XL-T-Shirt reicht mir bis zu den Knien, ein Geschenk der Uni, ich sehe aus, wie die afro-amerikanischen Mädchen mit ihren riesigen Pullovern in den 80ern, unter dem roten &#8220;Zelt&#8221; sieht meine Jeans wie eine Leggins aus. Ich bin also bereit, meiner Männlichkeit einigermaßen beraubt, zum männlichsten Sportereignis der Amerikaner zu eilen, mich in das rote Meer der Redbirds-Anhänger zu stürzen. Schon auf dem Weg Aufbruchsstimmung, die Vororte, Verandas, Fenster, Autoscheiben: Reggie, der Maskottchenvogel, fletscht jedem die Zähne entgegen. College-Football, der beliebteste Sport der Amerikaner, vor der National Football League und der nationalen Baseball-Liga, weit abgeschlagen: die Basketballer der NBA. Auf der College Avenue ist bald jeder Flecken des Bordsteins in blendendes Rot getaucht, &#8220;Spread the Red&#8221; steht auf den T-Shirts und Bannern. Die Menschen tragen Kühlboxen, Klappstühle, Grillkohle, ganze Zelte werden auf die umliegenden Parkplätze geschafft. Vorbereitung ist alles. Meine Laune ist wegen meiner Bekleidung weiter angespannt. Aus dem Auto ausgestiegen weht mein rotes Kleid verwegen im Wind und ich spüre die Blicke der Scotts und Jasons, die alle einen Football dabei haben und ihn mit voller Wucht über die gesamte Länge des Parkplatzes schleudern. Ich atme tief ein, lege die Stirn in Falten und versuche mit einer Hand in der Hosentasche wenigstens das kunstvolle Flattern  meines Redbird-Segels im lauen Spätsommerwind einigermaßen unter meinem Arm zu ersticken. Ich sehe ihnen an, wie mein luftgefüllter Brustkorb sie einschüchtert.  Sechs Jahre Gütersloher Schwimmverein, das musste einfach sitzen. Dagegen kommen auch 20 Jahre von Mamas Cornbread und gewaltige Rindsburger nicht an. Sven steckt seins, ebenfalls Größe XL, in seine Hose, wo es sich aufbeult und wie eine Windel aussieht. Nein, äußerlich lieber ein Transvestit als ein Windelträger. Also Brust raus und weiter. Die Stimmung ist gelassen, 70 Minuten müssen bis zum Einlauf der Spieler noch vergehen. Die Mädchen der Universität laufen in Hotpants rum, fast alle, die Jungen mit nackten Oberkörpern hinterher, Bälle werfend, grunzend, die bleiche Haut von der Sonne puterrot eingefärbt. Es ist eine gute Zeit. Ich vergesse mein Kleid. Die Blicke, die auf mich gerichtet sind, gelten jetzt bereits ausschließlich meiner fast He-Man ähnlich maskulinen Aura, erkennbar an einem kurzen angsterfüllten Schulterzucken der männlichen Bewunderer und einem hastigen Zurechtzupfen und Nachschminken des gegenteiligen Geschlechts. Die Studenten sitzen in den Kofferräumen ihrer Mustangs, stopfen Hot Dogs, Steaks und Hamburger. Blinde Euphorie greift um, vergleichbar in Deutschland nur mit dem Sommer 2006. Hier und da Obama T-Shirts, für den Anlass passend in Zinnoberrot. Die Songs aus den Stereoanlagen ausschließlich Rock, sofern ein weißer seine Beine aus dem Kofferraum baumeln lässt, Hip-Hop bei allen anderen. &#8220;Tail-Gating&#8221; ist der Fachbegriff für das Massenbesäufnis auf Zeit, das den Reiz des Spiels für die meisten unter 21jährigen ausmacht. Die Parkplätze sind voll, die Euphorie greift einen selbst an. Die Maßlosigkeit, mit der Fanartikel umhergeworfen werden, bricht alle Rekorde. Es ist Saisoneröffnung, also ist hinter dem Studentenbereich auf den Parkplätzen auf einem weiten Grasfeld ein Zeltpark aufgebaut. Logos von Banken, Radostationen berichten live vor Ort, es riecht nach Zucker - nein nicht nach Zucker, hier nimmt man Corn-Sirup um alles mögliche zu süßen. Zu Beginn hab ich das Zeug nich runter bekommen, aber da es hier sogar den Zucker in den meisten Colas ersetzt, wird man also fast von staatlicher Seite daran gewöhnt und Schritt für Schritt süchtig gemacht. Je mehr es in den Zeltbereich geht, mischen sich unter die relativ gut gebauten jungen Menschen immer ausuferndere alte Menschen. Der Überfluss hat ihren Körper längst zur Aufgabe gezwungen, die T-Shirts sind 7XL, die Hosenträger haben eine Reichweite von 2,50 Metern. Jedes Zelt hat ein Buffet. Kostenlos. Kundenwerbung. Getränke ebenfalls. Ich probiere Spare Ribs mit Barbecuesauße, dazu Budweiser Select, eines der annehmbareren Biere unter den Amerikanischen Destillaten. Ein Amerikaner an unserem Tisch macht sich über mich lustig, da ich mit nur einem Rippchen auf meinem Teller Platz nehme. Wir kommen ins Gespräch, er glaubt nicht, dass es in Deutschland richtige Männer gibt, die was verdrücken können. Und dass wir mehr Bier vertragen hält er ebenfalls für ein Gerücht. Nun bin ich schon in Deutschland kein schlechter Esser gewesen. Hier hat sich mein Magen aber gefühlt nochmal um das dreifache erweitert und wer viel isst, verträgt auch mehr Alkohol (Zum Glück, in meinem Fall). Nach meinem 17. Rippchen war also die deutsche Ehre wieder vollkommen hergestellt, die Biere die ich dazu trank, habe ich nicht gezählt, ich war allerdings weder betrunken noch angetrunken, hier in Amerika gehöre ich zu den Männern, &#8220;die was vertragen&#8221;. Am nächsten Stand gab es dann noch Hot Dogs und Cheeseburger, &#8220;endlich Essen das satt macht&#8221;, warf ich meinem neuen amerikanischen Freund beim Schlürfen einer Dose Miller Lite (Lite Bier ist hier standard, wehe es macht einer Witze) noch zu, und ließ ihn mit seiner Schmach zurück. Mit meiner Dinnerbilanz konnte ich dann auf jeden Fall mein Flatterkleid auf der Männlichkeitsskala wieder wett machen. Plötzlich Trommelwirbel, ich blicke über die Schulter, große Fahnen werden geschwenkt, Trompeten blasen die Amis von ihren bequemen Gartenstühlen, auch die 7XL-Menschen stehen auf, machen ihren &#8220;Kalorien-Shuffle&#8221;, wie ich ihr galantes Hüftkreisen einmal nennen möchte. Jeder &#8220;enjoyed&#8221; sich selbst, danach kommt die Sinnflut. Mehr Bier und Würstchen wurden vorm Spiel schon vernichtet, als bei Dortmund gegen Schalke. 14000 Zuschauer waren es am Ende. Die Kapelle trug uns mit ihrer Marschmusik ins Stadion. Der Redbird-Song hat witzigerweise die Melodie der deutschen Nationalhymne, die Pascal und ich dann herzensfroh anstimmen und so für verwirrte Blicke im Gästeblock sorgen. Das Maskottchen wird standesgemäß auf einem Pferdewagen reingeschoben, Feuerwerk, der Stadionsprecher heizt die Meute an. Die amerikanischen Sportereignisse werden mir fehlen. Die Redbirds verloren schließlich im lezten Viertel. In Amerika geht es jedoch eigentlich nie darum, wer am Ende gewinnt. Hauptsache man zieht sich selbst so viel wie möglich an Eigenkapital aus der Geschichte, ob in Form von Kalorien oder Alkoholprozenten&#8230;</p>
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		<title>Normal, Illinois: Day 14 - Francotirador*</title>
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		<pubDate>Sat, 13 Mar 2010 05:19:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Amerika-Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[„Ich bin nicht mehr derselbe, zumindest in meinem tiefsten Innern nicht.“ So endet Ernesto Guevaras Vorwort zu seinem Tagebuch der ersten Lateinamerika-Reise Anfang der Fünfziger. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Satz am 27. September im Flugzeug sitzend auf den Rücken meines Notizbuches zu ritzen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Traum: <em>Ich trete in die Pedale des rotkohlfarbenen Hollandrades meines Großvaters. Meine Beine sind gerade lang genug, dass ich bei beim Treten meine Füße nicht mehr abwechselnd vom Pedal nehmen muss. Es ist Sommer, die Eichenbäume in den Alleen wippen im warmen Wind. Ich bin in Spexard, genauer in der Neubausiedlung, in der der Bolzplatz lag, auf dem ich meine besten Fußballjahre verbracht habe. Sonst erkenne ich nichts, die Umgebung verschwimmt. An einer großen Wiese angekommen, werfe ich das Fahrrad in das kniehohe Gras, wo bereits andere Räder verstreut liegen. Ich schließe mich einer großen Gruppe von Leuten ohne Gesichtern an, die alle einen Film auf einer kleinen Leinwand schauen, den ich bereits kenne. Der Traum verzerrt, die Sonne scheint unterzugehen. Das Ende des Filmes ist begleitet von Stille, wie in dem Film „No Country For Old Men“, niemand spricht, als die Produktionsinformationen über den schwarzen Hintergrund rutschen. Doch alle sind sich einig, einen großartigen Film gesehen zu haben. Ich weiß bereits, dass er großartig ist, bevor er endet, ich habe ihn ja schon gesehen.</em></p>
<p><em>Plötzlich verlassen die Menschen die Wiese und ich bleibe zurück. Während der Vorführung hatte ich meine Schuhe ausgezogen, nach denen ich dann unter der Decke Suche, die ich auf dem trockenen, braunen Gras ausgebreitet hatte. Statt der Schuhe, in denen ich gekommen war und die ich angestrengt auf die Pedale gepresst hatte, finde ich alte Schuhe von mir, Schuhe, die ich trug, als ich eingeschult wurde. Sie passen nicht mehr, also laufe ich Barfuß zurück zu meinem Fahrrad. Auf dem Weg stolpere ich dann immer wieder über Schuhe. Schuhe, die ich irgendwann in meinem Leben getragen habe. Auch Schuhe, die ich hier mit in Amerika habe. Ich versuche so viele wie möglich davon auf meinen Gepäckträger zu spannen und springe auf den Sattel. Nach einigen angestrengten Tritten mit meinen nackten Füßen lasse ich das Fahrrad einfach rollen&#8230;</em>und wache auf.</p>
<p>Diesen Traum hatte ich in der letzten Nacht. Vollgepumpt mit amerikanischen Erkältungspillen, die nur mit den polnischen Totschlagtabletten, die ich in Zabrze genommen habe, vergleichbar sind. Um 2:37 AM wachte ich auf und erinnerte mich sofort an den ganzen Traum, den ich sofort in mein amerikanisches Notizbuch notierte. Ich erinnere mich nie an Träume, wenn sie nicht mit Flugzeugabstürzen zu tun haben. Gibt es professionelle Traumdeuter unter meinen Lesern? Eine einleuchtende Erklärung für eben diesen als Kommentar in diesem Post wäre sehr hilfreich.</p>
<p>Auch jetzt bin ich immer noch „unter Drogen“. Mir geht es besser und nach einem Tag voller Schlaf, Fieber und vier Litern Wasser konnte ich den heutigen Freitag wieder bewusst erleben. Es war ein merkwürdiger Tag, der erste Tag, an dem ich ein ungewöhnliches Gefühl hatte. Ich fühlte mich zu Hause. Ich wachte um sieben Uhr auf und hatte noch drei Stunden bis zu meinem ersten Kurs. Becky kochte mir Kaffee und ich reizte die Cornflakesauswahl ein weiteres Mal aus. Dann schrieb ich eine vier Seiten lange Geschichte in mein Notizbuch. Dafür brauchte ich zwei Stunden.</p>
<p>Der Kurs um zehn Uhr war wie zu erwarten relativ langweilig. Doch ich hatte bereits den nächsten Punkt meiner Tagesplanung im Kopf: Meine Creative Writing Klasse. Da ich am Mittwoch nicht teilnehmen konnte, wurde ich heute herzlich empfangen. Die kleine Gruppe hat mich bereits so herzlich aufgenommen, dass ich vermisst wurde. Wir schrieben eine Story, die bestimmte Inhalte aufgreifen sollte, die wir nun am Wochenende beenden sollen. Danach besprachen wir die Stücke zweier Studenten. Eines war in Tagebuchform geschrieben. Der Stil war eine Mischung aus Jack Kerouac und Holden Caulfield. Wir hatten eine unglaublich tiefe Diskussion. Leider geht der Kurs immer nur 45 Minuten, doch danach ging ich noch mit einigen der Schreiber einen Kaffee trinken. Mit Leuten über das Schreiben zu reden fehlt mir in Deutschland sehr. Nicht das Schreiben, wie ich es hier auf meinem Blog praktiziere. Ich lese meine Blogtexte nur selten ein zweites Mal durch, was man ihnen wahrscheinlich auch anmerkt. Doch das, was ich mit „Pulp“ schon angedeutet habe und was ich mit weiteren kostenlosen Downloads fortführen werde, bedarf einer Auseinandersetzung, die ich in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen nicht finde.</p>
<p>Um 6 PM gab es heute eine kostenlose Filmvorstellung in der Uni. Der Drachenläufer wurde gezeigt, ein schöner Film, auch zu empfehlen, wenn man das Buch nicht gelesen hat. Doch auch das sollte man tun.</p>
<p>Mehr als die Hälfte meiner Zeit in Amerika ist bereits vergangen; sehr schnell vergangen. Viele Dinge werde ich erst realisieren, wenn ich zurück in Deutschland bin und zurück blicke. Einige Dinge werden mir jedoch auch hier schon bewusst.</p>
<p>„Ich bin nicht mehr derselbe, zumindest in meinem tiefsten Innern nicht.“ So endet Ernesto Guevaras Vorwort zu seinem Tagebuch der ersten Lateinamerika-Reise Anfang der Fünfziger. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Satz am 27. September im Flugzeug sitzend auf den Rücken meines Notizbuches zu ritzen. Doch ich muss einsehen, dass man einen Sturkopf wie mich wohl nicht ändern kann, nein nicht ändern muss. Schon garnicht in vier Wochen. Denn egal wo man ist, ist man doch trotzdem immernoch mit sich allein. Und ob ich unter fiepsendem Grillengezirpe im amerikansichen Korngürtel den großen Wagen am Himmel stehen sehe, oder um drei Uhr morgens in einen Bademantel gewickelt auf meinem Balkon, das Sternbild und mein Gefühl bleiben dieselben.<br />
Doch mit einer Frage hatte der „Fuser**“ recht: „Was ist das, was wir beim Überqueren einer Grenze verlieren? Jeder Moment hat zwei Seiten: eine voller Melancholie; und eine voller Begeisterung und Vorfreude auf neue unbekannte Länder.“</p>
<p>* Fancotirador: &#8220;Freischärler&#8221;<br />
** Che Guevara wurde in Argentinien „El Fuser“, der Zünder genannt</p>
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		</item>
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		<title>Buchnotizen zum vergangenen Jahr</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Dec 2009 14:11:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Journal]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Jahr ist fast rum, ein Leseintensives Jahr, das viele neue Horizonte eröffnet hat. Im Folgenden möchte ich in wenigen Sätzen die zehn Bücher vorstellen, die mir in diesem Jahr am besten Gefallen haben: Martin Amis - Money, Roberto Bolaño - 2666, Paul Nizon - Untertauchen, Juan Carlos Onetti - Der Schacht, Nicanor Parra - Antipoesie, Paul Auster - Invisible, Charles Bukowski - Post Office, Julio Cortazar - Rayuela.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Jahr ist fast rum, ein leseintensives Jahr, das viele neue Horizonte eröffnet hat. Im Folgenden möchte ich in wenigen Sätzen die Bücher vorstellen, die mir in diesem Jahr am besten Gefallen haben.</p>
<p><strong>Martin Amis - Money</strong></p>
<p>Zu Beginn des Jahres habe ich eine kleine Martin Amis Phase durchlebt. Von den Romanen <em>The Rachel Papers</em> , <em>Dead Babies</em> und <em>Money</em> gefiel mir letzterer am besten. Auch sein biografischer Roman <em>Die Hauptsachen</em> ist sehr lesenswert. Man kann sagen, dass ich ein richtiger &quot;Fan&quot; dieses Autors geworden bin. <em>Money</em> ist die Geschichte von John Self, einem drogenberauschten, fettlaibigen Financier in London, der sich in jedes Laster stürzt, als wäre es sein letzter Tag auf Erden. Die Suche nach der eigenen Identität ist das beherrschende Thema dieses Romans.</p>
<p>Sprache: Rotzig, teilweise Umgangssprache</p>
<p>Lesefluss: Amis Romane sind Page-Turner, die in wenigen Sitzungen gelesen sind</p>
<p><strong>Roberto Bolaño - 2666</strong></p>
<p>Dazu haben wir auf zwei666.de eigentlich alles (und nichts) gesagt.</p>
<p><strong>Paul Nizon - Untertauchen</strong></p>
<p>Nizon, den ich über seine Tagebücher kennengelernt habe, ist in seinem Schreiben fast Impressionist. Seine realistisch-autobiografisch angehauchten Romane, die er alle in Dachzimmern in Frankreich schrieb sind perfekt, um einen aus dem Alltag zu ziehen.</p>
<p><strong>Juan Carlos Onetti - Der Schacht</strong></p>
<p>Angeblich von ihm an einem Wochenende geschrieben, an dem er keine Zigaretten zur Hand hatte. Deshalb scheint der Protagonist auch alle paar seit nervös durch sein Zimmer zu schlurfen und von einer Zigarette zu träumen. Es ist der erste Text von Onetti, eigentlich eher eine Erzählung, die im ersten Band der Werkausgabe bei Suhrkamp gerade einmal 50 Seiten einnimmt. Und doch gibt einem dieses Buch sehr viel. Die Traumsequenzen, die Entzugsepisoden, die autobiografischen Stellen. Ein Buch für eine melancholisch-gleichgültige Nacht, aus der man gestärkt und gegen äußere Einflüsse abgehärtet hervorgeht.</p>
<p><strong>Nicanor Parra - Antipoesie</strong></p>
<p>Nicanor Parra. Nicanor Parra. Parra! Antipoesie. Man muss diese Gedichte selbst gelesen haben. Muss!</p>
<p>aus dem Gedicht <em>Nachruf</em> :</p>
<p style="text-align: center;">Nicht gerade helle, aber auch kein Idiot<br />
War ich, was ich war:<br />
Eine Mischung<br />
Aus Essig und Öl<br />
Etwas zwischen Engel und Bestie</p>
<p><strong>Paul Auster - Invisible</strong></p>
<p>Diese Inzestgeschichte in drei Teilen hat mich in ihren Bann gezogen. Drei Kapitel, drei unterschiedliche Erzählperspektiven. Diese Aufschachtelung wirkt im ersten Moment befremdlich, ist jedoch sehr gut gewählt, wenn man den Roman nach der letzten Seite zuschlägt und die Ereignisse rekapituliert. Auster ist einer meiner Lieblinge, hat jedoch eine kleine Schwächephase hinter sich in den vergangenen zehn Jahren. Mit diesem Roman meldet er sich vielleicht mit seinem stärksten Werk zurück.</p>
<p><strong>Charles Bukowski - Post Office</strong></p>
<p>Wiedergelesen und wiedergenossen. Bukowski hilft immer dann, wenn alles scheißegal wird. Wer ihn nicht kennt, hat die Welt verpennt. Mit seiner Autobiografie &quot;Das Schlimmste kommt noch&quot; anfangen und dann chronologisch durcharbeiten! Nur für Verklemmte und Spießer nicht zu empfehlen.</p>
<p><strong>Julio Cortazar - Rayuela</strong></p>
<p>Diesen &quot;Roman&quot; habe ich zwei mal gelesen. Einmal nach Vorschrift und einmal chronologisch. Ich habe nicht alles verstanden. Ehrlich gesagt habe ich vieles noch nicht verstanden. Trotzdem gehört er zu meinen Lieblingsromanen. Erklären werde ich das wohl erst in zehn Jahren können. Seht selbst!</p>
<p><img src="http://media.libri.de/shop/coverscans/796/7961195_7961195_big.jpg" alt="http://media.libri.de/shop/coverscans/796/7961195_7961195_big.jpg" width="108" height="181" /> <img src="http://www.letrasdechile.cl/mambo/images/rayuela.jpg" alt="http://www.letrasdechile.cl/mambo/images/rayuela.jpg" width="111" height="181" /> <img src="http://images.amazon.com/images/P/0876850867.01.LZZZZZZZ.jpg" alt="http://images.amazon.com/images/P/0876850867.01.LZZZZZZZ.jpg" width="117" height="181" /> <img style="cursor: -moz-zoom-out;" src="http://www.powerhousebooks.com/photos/invisible_web.jpg" alt="http://www.powerhousebooks.com/photos/invisible_web.jpg" width="116" height="181" /><br />
<img src="http://www.juergen-naeve.com/attachments/Image/2666_Roberto_Bolano.jpg" alt="http://www.juergen-naeve.com/attachments/Image/2666_Roberto_Bolano.jpg" width="118" height="181" /> <img src="http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MDV0PPDdL._SL500_SL160_.jpg" alt="http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MDV0PPDdL._SL500_SL160_.jpg" width="110" height="180" /> <img src="http://i.biblio.com/b/156s/263115156-0-s.jpg" alt="http://i.biblio.com/b/156s/263115156-0-s.jpg" width="113" height="180" /> <img src="http://www.onethousandbooks.com/images/martin_amis_money.jpg" alt="http://www.onethousandbooks.com/images/martin_amis_money.jpg" width="111" height="175" /></p>
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		<title>Im finstren Schädelhaus</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Sep 2009 12:05:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[2666]]></category>

		<category><![CDATA[Bolaño]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Leben ist mit einer fundamentalen, unauslöschbaren Traurigkeit verbunden. Jeder denkende Mensch ist untrennbar erfüllt von einer tiefen Melancholie. Wer sich selbst dem Strom der eigenen Gedanken aussetzt, wird irgendwann, unausweichlich, von einer Welle der Schwermut umströmt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><a href="http://www.cloud-gate.de/poeta/wp-content/uploads/2009/09/2666-2.jpg"><img class="alignnone size-full wp-image-160 aligncenter" title="2666-Nacht" src="http://www.cloud-gate.de/poeta/wp-content/uploads/2009/09/2666-2.jpg" alt="" width="466" height="250" /></a></p>
<blockquote>
<p style="text-align: center;">Und wie in dunkle Gänge<br />
mich in mich selbst verrannt,<br />
verhängt in eigne Stränge<br />
mit meiner eignen Hand:</p>
<p style="text-align: center;">So lief ich durch das Finster<br />
in meinem Schädelhaus:<br />
Da weint er und da grinst er<br />
und kann nicht mehr heraus.</p>
<p style="text-align: right;">aus Thomas Brasch, <em>Halb Schlaf</em></p>
</blockquote>
<p>Das Leben ist mit einer fundamentalen, unauslöschbaren Traurigkeit verbunden. Jeder denkende Mensch ist untrennbar erfüllt von einer tiefen Melancholie. Wer sich selbst dem Strom der eigenen Gedanken aussetzt, wird irgendwann, unausweichlich, von einer Welle der Schwermut umströmt. Die Unberechenbarkeit der eigenen Gedankenwelt birgt vielleicht den Kern der bereits erwähnten “Universalgeschichte der Niedertracht”, mit der wir es bei Bolaño und <em>2666</em> zu tun haben. Gerade im Fall von Pelletier und Espinoza wird dieses Phänomen deutlich. In der Verkleidung zweier Durchschnittsintellektueller, die scheinbar weder gedanklich noch körperlich zu Greueltaten fähig sind, durchleben sie im ersten Teil von <em>2666</em> eine mentale Metamorphose, die auf den ersten Blick erschreckend, auf den zweiten Blick jedoch unverkennbar menschlich erscheint.</p>
<p>Kurz vor dem Abgrund ihrer zum Scheitern verurteilten Dreiecksbeziehung mit Norton werden sie von ihr nach London zitiert. Schon zuvor ahnte man beiläufig, wie angespannt das Verhältnis zwischen Pelletier und Espinoza wirklich zu sein scheint. In London angekommen, offenbart Pelletier die größtmögliche Kälte der chemischen Reaktion, die wir Denken nennen. Als Espinoza sich verspätet, schaltet P. den Fernseher ein, um zu schauen, ob es einen Flugzeugabsturz gibt. Als er das Wrack eines Flugzeuges auf dem Bildschirm erkennt, schließt er automatisch auf E.s Tod. Wenig später erscheint Espinoza in der Tür, Norton erzählt ihm von Pelletiers Kurzschlussreaktion: “Espinoza lachte, sah aber Pelletier ganz seltsam an, was Norton nicht auffiel, Pelletier jedoch sofort bemerkte.”</p>
<p>Norton teilt ihnen daraufhin ihre Bitte um Abstand mit, die endgültig etwas in Pelletier und Espinoza zu verändern scheint. Es kann kein Zufall sein, dass sie im Anschluss gemeinsam nach Kensington Gardens zur Peter-Pan-Statue fahren, um den Sonnenuntergang zu genießen. Auch P. und E. scheinen sich ab diesem Zeitpunkt von erwachsenen Männern zu Jungen zurückzuentwickeln, die sich um eine Schüppe im Sandkasten streiten. Mit dem Untergang der Sonne scheint auch in ihrem Denken das Dunkel eingekehrt zu sein. Auf dem Flug zurück nach Frankreich klammert sich Pelletier an den Bildband Berthe Morisots, den er Norton einmal geschenkt hatte. Dazu ein Zitat:</p>
<blockquote><p>Neues Unheil ist über die <span style="text-decoration: underline;">Rue <em>Peletier</em></span> hereingebrochen. Fünf oder sechs Verrückte, <span style="text-decoration: underline;">darunter eine Frau</span>, haben, von Ehrgeiz verblendet, hier ihre Werke ausgestellt. Viele Besucher bekommen vor diesen Machwerken Lachkrämpfe. Mir zieht es bei ihrem Anblick das Herz zusammen. Diese sogenannte Künstler bezeichnen sich als Umstürzler und Impressionisten. Sie nehmen Leinwand, Farbe, Pinsel, setzen, je nach Lust und Laune, einige Töne nebeneinander und glauben, sie hätten schon etwas Großes geleistet.</p>
<p style="text-align: right;">Quelle: <a href="http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/berthe-morisot/" target="blank">fembio.org</a></p>
</blockquote>
<p>In der Folge erscheinen Pelletier und Espinoza wie ausgewechselt. Ihre Ausfälle beim ersten Treffen mit dem jungen Dozenten Pritchard in Nortons Wohnung erscheinen noch harmlos gegenüber ihrem völligen Rollenwechsel auf S.97. Nachdem sie, glücklich wie Kinder(!), mit Norton beim Abendessen gesessen haben, lassen sie sich von einem Taxi, der Fahrer Pakistani, nach Hause fahren. Die Szene eskaliert, Pelletier und Espinoza treten den Pakistani auf offener Straße zusammen und verfallen “in die seltsamste Ruhe ihres Lebens” S.99. So drastisch die Entwicklung der beiden Literaturwissenschaftler in 2666 auch dargestellt sein mag. Das Erschreckende ist, dass sie völlig nachvollziehbar ist.</p>
<p style="text-align: right;">Marvin Kleinemeier, <a href="http://www.zeilenschinder.net">Zeilenschinder.net</a></p>
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		<title>Ein Akt der Verschwendung</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 12:18:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[2666]]></category>

		<category><![CDATA[Bolaño]]></category>

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		<description><![CDATA[Rote Wolken stehen wie eingefroren am Himmel. Ein Gefühl wie Herbst. Ich mag das Geräusch nicht, das meine Schuhsohlen auf dem löchrigen Asphalt erzeugen, doch es gibt meinen Gedanken den Takt vor, in dem sie sich verlieren können. In meiner Jackentasche umschließe ich mit der rechten Hand ein eingerolltes Notizheft, in der linken Hand bewege ich einen ungespitzten Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Rote Wolken stehen wie eingefroren am Himmel. Ein Gefühl wie Herbst. Ich mag das Geräusch nicht, das meine Schuhsohlen auf dem löchrigen Asphalt erzeugen, doch es gibt meinen Gedanken den Takt vor, in dem sie sich verlieren können. In meiner Jackentasche umschließe ich mit der rechten Hand ein eingerolltes Notizheft, in der linken Hand bewege ich einen ungespitzten Bleistift zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Etwa zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt, wenn man einer einspurigen Landstraße folgt, die mit künstlich angepflanzten Apfelbäumen gesäumt ist, erreicht man eine verlassene Jugendherberge, vor der ein vertrockneter Brunnen in die Dunkelheit führt. Die meisten Fensterscheiben sind eingeschlagen oder mit Holzbrettern verriegelt. Im Innenhof wuchert kräftiges Grün aus den Rissen im Beton. Eine kleine Treppe führt hinauf zum ehemaligen Speisesaal. Ich setze mich auf die oberste Stufe, nehme das Notizheft mit der Aufschrift “Bolaño 2009/01” aus der Jackentasche und schlage die erste Seite auf. “an oasis of horror in a desert of boredom” habe ich dort mit spitzer Bleistiftmine in das Papier geritzt. Darunter in Großbuchstaben das Wort “EKEL”. Und etwas kleiner darunter das Wort “verklärt”, in schiefen, unleserlichen Glyphen.</p>
<p>Ich blättere wahllos durch die Aufzeichnungen, die im Juni entstanden sind, kurz nachdem die amerikanische Ausgabe von <em>2666</em> in meinem Briefkasten gelandet war. Ich hatte damals die ersten 50 Seiten gelesen und etwa genauso viele Seiten mit Notizen gefüllt, bevor ich das Buch zur Seite legte und die Idee zu zwei666.de hatte. Jetzt, etwa drei Monate und drei Notizhefte später, ließ ich meine damaligen Betrachtungen bei der Lektüre der ersten 70 Seiten der deutschen Übersetzung außer Acht. Das Gefühl, mit dem ich das Buch dieses Mal in die Hand nahm, unterschied sich grundlegend. All die Rezensionen, Artikel zu Bolaño und die Auseinandersetzung mit früheren Werken steigerte meine Erwartung an <em>2666</em> ins Unermessliche, und belegte mich so mit einem ungewollten Druck, dem ich als Leser und Bolaño als Schriftsteller standhalten musste. Wenn ich jetzt durch die verträumten Juninotizen streune, bereue ich diese Herangehensweise. “Für den wirklichen Schriftsteller sind Bücher die einzige Heimat, Bücher, die auf Regalen stehen oder in seiner Erinnerung.” Im Juni, so scheint es mir, hatte ich mir in den ersten 50 Seiten eben dieses Heim eingerichtet, hatte mich eingelebt und war im Begriff sesshaft zu werden. Bei der zweiten Lektüre scheint es mir hingegen, fühlte ich mich wie ein Urlauber, der sein frisch bezogenes Hotelzimmer nach fleckiger Bettwäsche und anderen Mängeln absucht. So wie es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt, bekommt man keine zweite Möglichkeit, einen Roman das erste Mal zu lesen, völlig unbedarft in das Fremde einzutauchen und die Wirkung unverfälscht zu spüren, bevor die Verwischung der eigenen Interpretation sich mit äußeren Einflüssen vereint und das Werk in einer Gedächtnisschublade mit vorgefertigtem Namensschild versenkt.</p>
<p>Etwa auf Seite 21 der Notizen findet sich, in der Mitte der Seite, von zwei komplett durchgestrichenen Absätzen eingeklemmt, die Notiz: “Satz über fünf Seiten. Kein Punkt. Mehr Substanz als mancher Roman.” Der Satz von dem hier die Rede ist, findet sich in der deutschen Ausgabe auf den Seiten 30 bis 36. Ein Satz, bei dem einem während des Lesens der Übersetzer Christian Hansen gedanklich gegenübersitzt und Leid tut. Und auch wieder nicht. Denn dieser Satz scheint geradezu eine Vorlage zu sein, ausländische Übersetzer zu wahrer Meisterschaft anzutreiben. Trotzdem bleibt die Frage, wie Hansen diesen Wortwald angegangen ist. Die Geschichte selbst, ist nur für den nachvollziehbar, der von Natur aus mit einem hohen Maß an Ehrgeiz gesegnet und gestraft ist. Der Junge, der absichtlich die beiden letzten Rennen verlieren muss, obwohl er schon das Erste aus Mitleid verloren gegeben hatte, ist eine ebenso nachvollzieh- wie undurchschaubare Figur. “Irgendwann hätte er sie getötet”, erklärt Archimboldi der Erzählerin der Geschichte auf Seite 37. Einen Akt der Verschwendung nennt er sowohl das absichtlich verlorene Rennen als auch den möglichen Mord, der darauf irgendwann gefolgt wäre. Ein Akt der Verschwendung. Verschwendung, ein eigentlich sehr negativ konnotierter Begriff, besitzt in der Philosophie einen weitaus positiveren Klang. Dort wird häufig von “Gabe” gesprochen, die in diesem Fall vielleicht eher zutrifft. Denn ist eine Verschwendung nicht eigentlich etwas, das niemandem wirklich nutzt? Das Handeln des Jungen könnte man doch eher als uneigennützig beschreiben. Sein Gegner hat definitiv Gewinn daraus geschlagen, also kann man doch nicht wirklich von Verschwendung sprechen? Oder kann ein Mensch gar nicht uneigennützig sein, da jede noch so selbstlos wirkende Geste doch einzig dazu dient, mit sich selbst ins Reine zu kommen und das Gewissen zu befriedigen?</p>
<p style="text-align: right;">Marvin Kleinemeier, <a href="http://www.zeilenschinder.net">zeilenschinder.net</a><em><br />
</em></p>
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		<title>Eine Oase des Grauens</title>
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		<pubDate>Mon, 31 Aug 2009 23:20:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[2666]]></category>

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		<description><![CDATA[Es scheint Zufall oder glückliche Fügung, dass DFWs „Infinite Jest“ und Roberto Bolanos „2666“ beinahe zeitgleich in deutscher Übersetzung erscheinen. Zwei Autoren, deren Lebenswege weiter nicht auseinander liegen könnten, zwei Werke, die allein zeitlich acht Jahre voneinander getrennt sind, betrachtet man das Datum der Erstveröffentlichung. Und doch verfügen beide Werke, selbst beide Autoren über unverkennbare [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es scheint Zufall oder glückliche Fügung, dass DFWs „Infinite Jest“ und Roberto Bolanos „2666“ beinahe zeitgleich in deutscher Übersetzung erscheinen. Zwei Autoren, deren Lebenswege weiter nicht auseinander liegen könnten, zwei Werke, die allein zeitlich acht Jahre voneinander getrennt sind, betrachtet man das Datum der Erstveröffentlichung. Und doch verfügen beide Werke, selbst beide Autoren über unverkennbare Gemeinsamkeiten. Sowohl Wallace als auch Bolano haben es geschafft, etws zu erschaffen, das größer war als sie selbst, etwas, das sie überlebt hat und noch Jahrzehnte Bestand haben wird. Bolano starb 2003 an einer Leberkrankheit und Wallace wählte im vergangenen Jahr den Freitod. Hinterlassen haben sie beide ein Opus Magnum, über 1000 Seiten stark, und hinterlassen haben sie auch eine Leserschaft, die nun mit diesen wuchernden Kunstwerken arbeiten darf oder muss. Beide Bücher verfolgen scheinbar den gleichen enzyklopädischen Impuls, den Zwang, alles mit einzubeziehen, was es über ein Thema zu wissen gibt, um widerum zu beweisen, dass ein Thema niemals in seiner Vollständigkeit erfasst werden kann. Gerade diese überschäumende Arbeitsweise verlangt neuer Methoden, wenn es um das Arbeiten mit solchen Werken geht.</p>
<p>Wie soll man sich nun mit Bedeutungsmeeren wie diesen befassen, um ihnen gebührend zu entsprechen? Den neuesten Weg beschreiten seit einiger Zeit Gemeinschaften wie &#8220;unendlicherspass.de&#8221;, „infinitesummer.org“ oder der „National Reading Month“ des New Yorker Magazines. Communities, an denen ich mich aktiv beteiligt habe und deren Idee ich für einen eigenen Internetauftritt adaptiert habe. Da ich denke, dass „2666“ eine ähnlich intensive Aufmerksamkeit verdient hat wie Infinite Jest, will ich ab dem 7. September über 2666 Stunden gemeinsam mit Interessierten in die Welt Bolanos eintauchen und auf <a href="http://www.zwei666.de">zwei666.de</a> über die Leseerfahrungen diskutieren.</p>
<p>Am 7. September, zwei Wochen nach der Veröffentlichung von Unendlicher Spass wird „2666“ in deutscher Übersetzung von Christian Hansen im Hanser Verlag erscheinen. Ich suche noch zwei oder drei Autoren, die wöchentlich von ihren Leseerfahrungen berichten. Wer Interesse an dem Projekt hat, schaut einfach auf zwei666.de vorbei oder schreibt an blog@zwei666.de.</p>
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		<title>Not far, in fact, from a city, no joke, named Normal</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Aug 2009 20:01:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Journal]]></category>

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		<category><![CDATA[Infinite Jest]]></category>

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		<description><![CDATA[Während der Lektüre der englischen Ausgabe stellte ich mir die Bilder vor, die sich mir aus meiner Zeit im mittleren Westen eingeprägt hatten: die liebevoll gestalteten Holzverandas, die breiten Straßen, die anarchistischen Vorfahrtsregeln an Großkreuzungen; militante Demokraten und gemäßigte Republikaner, die sich in hunderten von kleinen Interessengruppen auflösen, die von „Illinois-Männer-gegen-häusliche Gewalt“ bis zum „Querflöten-Grüppchen“ reichen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche (einiges spricht für 2008) wohnte ich im Rahmen meines Studiums den September über in der Kleinstadt „Normal“ im nordamerikanischen Bundesstaat Illinois. Zwischen hektargroßen Kornfeldern und unter mehrstimmigem Grillengezirpe, das gegen Abend in Dezibel kaum noch zu messen war, konnte ich mir dort ein Bild von der unglaublichen Gastfreundlichkeit der Durchschnittsamerikaner machen, die sich hier um den „Korngürtel“ angesiedelt haben und die mit riesigen roten Pick-Ups in die Mall fahren, um eine Tüte Milch zu kaufen. Ich ging auf die Illinois State University und besuchte kultur- und literaturwissenschaftliche Kurse.</p>
<p>Eines Morgens saß ich mit meinen Gasteltern über Tellern voll Rührei und Speck und las in der örtlichen Tageszeitung, dem Pentagraph, wo der tragische Tod DFWs betrauert wurde, der anscheinend in der Nähe aufgewachsen war. Zudem hatte er anscheinend selbst ab 1992 an der Illinois State unterrichtet. Am selben Tag besuchte ich die  Mittagssitzung eines creative writing Seminars der ISU, des Kurses, den Wallace zehn Jahre zuvor noch selbst unterrichtet hatte. Ich brachte den Zeitungsausschnitt in die Diskussion ein und musste feststellen, dass so gut wie alle DFW nur als Begriff kannten, als Bonmot, das man kennen sollte, die absolute Trumpf-Karte beim „Boheme-Name-Dropping“ im Uni-Pub. Niemand hatte auch nur ein Buch oder eine Geschichte von ihm gelesen. Selbst der Dozent, der sich hinter souverän verkauftem Halbwissen versteckte, schien völlig ahnungslos. So ging es so gut wie allen in der Stadt, die ich auf DFW ansprach. Viele bestätigten mir, er sei ein großer Künstler gewesen, keiner jedoch, hatte ihn jemals gelesen.</p>
<p>Am Schluss des Vorworts von Dave Eggers zur englischen Ausgabe von Unendlicher Spass aus dem Jahr 2006 ist folgende Passage zu finden:</p>
<blockquote><p>He is from the Midwest - east-central Illinois, to be specific, which is an intensely normal part of the country (not far, in fact, from a city, no joke, named Normal). So he is normal, and regular, and ordinary, and this is his extraordinary, and irregular, and not-normal achievement, a thing that will outlast him and you and me, but will help future people understand us - how we felt, how we lived, what we gave to each other and why.</p></blockquote>
<p>Während der Lektüre der englischen Ausgabe stellte ich mir die Bilder vor, die sich mir aus meiner Zeit im mittleren Westen eingeprägt hatten: die liebevoll gestalteten Holzverandas, die breiten Straßen, die anarchistischen Vorfahrtsregeln an Großkreuzungen; militante Demokraten und gemäßigte Republikaner, die sich in hunderten von kleinen Interessengruppen auflösen, die von „Illinois-Männer-gegen-häusliche Gewalt“ bis zum „Querflöten-Grüppchen“ reichen. Dass diese Durchschnittsgegend ein außergewöhnliches Werk wie dieses hervorbringen konnte, kommt für mich dem abgelutschten Bild vom amerikanischen Traum doch wesentlich näher, als jede Erfolgsgeschichte, die mit hohen Posten in leblosen Bunkern endet. Mit der englischen Ausgabe habe ich mich, zugegeben, etwas verhoben, und wahrscheinlich viele Dinge überlesen. Trotzdem ist mir der kleine Wälzer ans Herz gewachsen und ich freue mich über die Resonanz, die er in Deutschland erhält. Die ersten 100 Seiten der Übersetzung wirken so für mich persönlich wie die Restaurierung einer alten Sam Cooke Aufnahme, die ich jetzt endlich in aller Klarheit, die ihr gebührt, genießen kann.</p>
<p>Ich teile meine Leserfahrungen dabei mit den Profis auf <a href="http://www.unendlicherspass.de">Unendlicherspass.de</a> , wo der Wälzer von Ausdauerbibliophilen in 100 Tagen gemeinsam gelesen wird. Meine Erfahrungen will ich jedoch auch hier im Blog noch ausführlicher berichten, und ausführen, wozu mir die Kommentarfunktion auf der Seite nicht ausreicht.</p>
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		<title>Holz, Blei und keine Hasenpfote</title>
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		<pubDate>Tue, 18 Nov 2008 10:28:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
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		<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich nahm einen der gespitzten Bleistifte und begann zu schreiben. Ich schrieb vier Seiten, schrieb von Lyon, von Marseille, von schlechtem Essen, wilden Protesten, Algerier-Flohmärkten, schrieb von Zuckerwatte und Olivenbrot, von bitterem Pernod und Trinkgewohnheiten, ich schrieb bis meine Buchstaben immer größer und ich immer müder wurde, schrieb ohne nachzudenken, ich schrieb,...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>In Barcelona habe ich in der Laie Llibreria gefrühstückt, einem dunklen Cafe über einer Buchhandlung, in der es außer den spanischen Büchern auch eine große Auswahl an englischen gibt. Ich habe versucht zu schreiben, nicht an meinem Roman, sondern einfach des Schreibens wegen. Den ganzen Morgen habe ich nicht ein einziges Blatt beschrieben. In Barcelona kann man nicht schreiben. Selbst Gabriel Garcia Marquez lebte immer dann in seiner Wohnung in Barcelona, wenn er nach einem Roman von seinem Geschriebenen Abstand nehmen wollte, so stand es zumindest in meinem Reiseführer.</em></p>
<p><em>Und doch kann es nicht einfach nur an Barcelona gelegen haben, dass ich nichts zu Papier bringen konnte. Seit einigen Wochen schon fällt es mir schwer die Gedanken zu formulieren die ich für mein Buch habe. Das Erzählen und Beschreiben fällt mir nicht so schwer, doch das Drumherum, das meiner Meinung nach den literarischen Mehrwert ausmacht, fehlt ersatzlos.</em></p>
<p><em>Am vorletzten Tag in Barcelona bin ich in einer kleinen Schreibwarenhandlung (Papirum) gewesen, in der ich mir einen Satz Schreibhefte kaufte. Dieser Obsession habe ich schon genügend Erklärungsversuche beigemessen, meistens vergeblich. Vor zwei Wochen dann habe ich in einer Kunsthandlung in Paderborn einige Bleistifte gekauft und diese zusammen mit den Heften in meine Romanpappkiste gelegt.</em></p>
<p><em>Letzten Donnerstag habe ich dann den günstigen Joker des Freien Mitarbeiters gezogen und bin, nachdem ich aufgewacht war, nicht wie geplant in die Firma gefahren, sondern in meinem Schlafanzug zum Schreibtisch geschlurft, nicht ohne mir vorher eine Kanne Kaffee zu kochen, und habe begonnen die vorhandenen Textseiten in eines dieser Hefte zu übertragen. Diese Gelegenheit habe ich zur mittlerweile vierten Überarbeitung des Textes genutzt.</em></p>
<p><em>Meine Hände rochen nach dem Holz der Bleistifte und meine Haare waren immernoch durcheinander wie nach dem Aufstehen, als die Uhr in unserem Flur halb fünf anzeigte. Ich hatte das erste Mal das Gefühl, das man wohl nach einem arbeitsreichen Tag als Schriftsteller spüren muss. Und trotzdem habe ich seitdem nichts mehr geschrieben. Ich denke viel nach in den letzten Tagen und bin eigentlich nur noch entspannt, wenn ich einen Simenon in der Hand habe. Als ich mal mit einem Freund im Auto nach Bielefeld saß, haben wir überlegt, ob es nicht einfacher wäre, alle Gedanken auszuschalten und so glücklich zu sein wie die Menschen, die sich nicht um alles Sorgen machen und jeden Gedanken hin- und herwiegen. Damals waren wir schnell einer Meinung, aber heute bin da nicht mehr so sicher.<br />
</em></p>
<p>Die Marotten, die ich während des Schreibens annehme sind mittlerweile fast so umfangreich, dass man daraus ein eigenständiges Buch binden könnte. Waren es vor kurzem noch die eigens aus Barcelona mitgebrachten Notizhefte und die in einem Kunsthandel gekauften Bleistifte, habe ich es dann weiter auf die Spitze getrieben: Während ich zu Besuch bei meinem Vater war, besuchte ich auch noch für eine halbe Stunde meine Großmutter, die auf dem selben Grundstück wohnt. Mein Großvater ist vor sieben Jahren gestorben, er war Schreiner. Wir unterhielten uns über ihn und seine unmenschliche Sucht nach Dreigroschenwestern, die er täglich im Dreierpack verschlang.</p>
<p>Während wir in ihrem Wohnzimmer saßen, fiel mir ein Bleistift auf, der auf einem der Regale lag. Ein grüner Bleistift, Marke Faber Castell, dessen angespitztes Holz sich mit den Jahren bereits braun verfärbt hatte. Ich dachte daran, dass ich bald neue Bleistifte würde kaufen müssen und plötzlich erinnerte ich mich an eine Szene aus meiner Schulzeit. Immer wenn ich mal wieder meinen Schulbleistift verklüngelt hatte, holte mein Opa einen kleinen staubigen Metallkasten aus seiner Werkstatt, der voll mit diesen grünen Bleistiften war und gab ihn mir mit den Worten &quot;aber dieses Mal pass besser darauf auf, das sind die teuren!&quot;.</p>
<p>Er besaß viele von diesen Bleistiftkästen und ich beschloss, in der verstaubten Werkstatt danach zu suchen und tatsächlich, unter einem Haufen alter Zigarren- und Tabakkisten, in denen er Schrauben und allen möglichen anderen Kram lagerte, fand ich ein Metalletui voll mit besagten grünen Bleistiften.</p>
<p>Ich stieg kurze Zeit darauf in den Wagen und fuhr zurück nach Paderborn, öffnete mein Notizheft und legte das Etui geöffnet vor mir auf den Schreibtisch. Ich nahm einen der gespitzten Bleistifte und begann zu schreiben. Ich schrieb vier Seiten, schrieb von Lyon, von Marseille, von schlechtem Essen, wilden Protesten, Algerier-Flohmärkten, schrieb von Zuckerwatte und Olivenbrot, von bitterem Pernod und Trinkgewohnheiten, ich schrieb bis meine Buchstaben immer größer und ich immer müder wurde, schrieb ohne nachzudenken, ich schrieb, und ich hatte Spaß daran.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Bücherschluchten und ungespitzte Bleistifte</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Nov 2008 13:46:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marvin Kleinemeier</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Journal]]></category>

		<category><![CDATA[Blog]]></category>

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		<description><![CDATA[Mehr als ein halbes Jahr später, sitzt mir immernoch ein Kloß im Hals, jedes Mal da ich mit dem Bus an seinem alten Geschäft vorüber fahre. Mir fehlt der Geruch, die Zuflucht, die mir sein enger Laden an vielen Abenden bot, das stumpfe Geräusch seines weichen Bleistifts auf den alten Zetteln, die er aus seiner Schublade hervorkramte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eintrag aus einem meiner älteren Blogs:</p>
<p><strong><em>3.März 2008</em> </strong></p>
<p><em>Heute morgen habe ich fast verschlafen. Nach meinem Fußballspiel gestern wurde ich in der Nacht von Wadenkrämpfen verfolgt, die mich nur wenig Schlaf finden ließen. Ich ging also mit tiefschwarzen Augenringen los zum Bus, stand erst ein wenig im Regen, da dieser Verspätung hatte und fuhr dann in die Stadt. Wie jeden Morgen besorgte ich mir ein paar Zeitungen und Brötchen und machte mich auf den Weg zur Redaktion. Dort angekommen wurde ich wärmstens empfangen. Die Reaktion auf meine Titelgeschichte war unerwartet herzlich.</em></p>
<p><em>Ich konnte also entspannt der Blattkritik entgegenschauen, die nach einem Brötchen und einem Kaffee dann auch begann.</em></p>
<p><em>Wir gehen also im großen Raum der Redaktion durch die druckfrischen Seiten der Zeitung und ich sonne mich im Lob, dass vor allen Kollegen über meine Geschichte verloren wird, als wir zur Seite sechs der Lokalausgabe kommen. Der Seite mit den Todesanzeigen. Der allererste Eintrag warf mich für einen Moment völlig aus der Bahn.</em></p>
<p><em>Es war der Name eines Freundes.</em></p>
<p><em>Als ich vor fünf Jahren in diese Stadt gezogen bin, suchte ich direkt nach den besten Antiquariaten, um meinem Hobby des Büchersammelns weiterhin genügend Nahrung zu geben. Eins zeichnete sich durch unbeschreibliche Enge, Unordentlichkeit und Unübersichtlichkeit aus. Es war der Laden dieses Freundes, damals noch lediglich ein äußerst freundlicher alter Mann. Ein pensionierter Lehrer, der aus Vergnügen jeden Tag von 15 Uhr bis 19 Uhr in sein Antiquariat fuhr, um den Menschen seine Bücher zu verkaufen. Meistens blieb er jedoch bis spät in die Nacht und saß zwischen seinen Bücherstapeln, kramte hier und da, versuchte ein Regal zu sortieren, suchte nach einem ganz bestimmten Band, den ein Kunde verlangte, oder quatschte einfach mit einem seiner Stammbesuchern.</em></p>
<p><em>Er machte nie Geld mit seinem Laden, er machte sogar starken Verlust. Es war Liebhaberei, für die ein großer Teil seiner Pension draufging.</em></p>
<p><em>Wir lernten uns als Bücherliebhaber kennen. Oft saß ich bis zehn oder elf mit ihm in seiner Buchhandlung, half ihm seinen Laden abzuschließen, oder ließ mich von seinen zahlreichen Geschichten berieseln. Ich mochte ihn sehr. Da ich selbst keinen Großvater mehr habe, behandelte ich ihn oft wie einen. Seine Familie hat ihn sehr geliebt und ihn immer unterstützt, auch wenn das bei seiner verrückten Büchersammelwut manchmal schwer war. Denn immer kaufte er mehr Bücher ein, als er verkaufte und das heimische Haus quillte fast über. Alle nicht so häufig benutzten Räume waren voller Bücherstapel, die vom Boden bis zur Decke reichten.</em></p>
<p><em>Vor einigen Wochen wurde Leukämie festgestellt. Ich habe vor zwei Wochen mit seiner Frau gesprochen, die mir sagte, er sei bereits über den Berg und freue sich schon wieder auf seine Buchhandlung.</em></p>
<p><em>Er wird mir sehr fehlen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie sehr es seiner Familie so geht.</em></p>
<p>Mehr als ein halbes Jahr später, sitzt mir immernoch ein Kloß im Hals, jedes Mal da ich mit dem Bus an seinem alten Geschäft vorüber fahre. Mir fehlt der Geruch, die Zuflucht, die mir sein enger Laden an vielen Abenden bot, das stumpfe Geräusch seines weichen Bleistifts auf den alten Zetteln, die er aus seiner Schublade hervorkramte.  In einer seiner Auslagen machte sich nach seinem Tod ein Geschäft für Hundezubehör breit, das schon wieder Pleite ist.</p>
<p>Hier ein Video von ihm, das ein Medienstudent der Uni PB angefertigt hat. Die Musik wirkt zwar manchmal etwas deplatziert, doch ich denke man gewinnt einen kleinen Eindruck von diesem Mann.</p>
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<p>Bücher sind Erinnerungen, und er ist nun selbst zu einem seiner Bücher geworden.</p>
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